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Die Keuschheit  
Hirtenbrief  
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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1. EINFÜHRUNG flecha

Eine Reihe von Fakten und Gegebenheiten von unbestreitbarer Aktualität lassen es mir angeraten erscheinen, in katechetischer Absicht einen Brief über die Tugend der Keuschheit an meine Diözesanen zu richten.

Die derzeitige Lage der Dinge macht die Veröffentlichung des vorliegenden Textes besonders dringend. Ich veröffentliche ihn als Bischof von Valparaiso, d. h. als Wächter über die christliche Glaubens- und Sittenlehre der mir anvertrauten Herde. Ich komme damit meiner heiligen Pflicht nach, in Gemeinschaft mit dem Heiligen Vater und meinen Brüdern im Bischofsamt das Evangelium zu verkünden.
Eingangs möchte ich die Fakten und Gegebenheiten anführen, die eine Stellungnahme zu diesem Thema verlangen.

 
a. Eine durch die Erotik geprägte Umwelt flecha

Es bedarf keines besonderen Scharfsinnes, um zu erkennen, daß die Erotik in unserer Gesellschaft, und zwar besonders in städtischer Umgebung, an Boden gewonnen hat.

Pornografische Bücher, Zeitschriften und Videos werden sehr freizügig gehandelt;   die in Filmen, Fernsehserien und Liedern behandelten Themen spotten oft der Reinheit der Sitten und der Treue in der Ehe; der gewerbsmäßige  Geschlechtsverkehr hat offenkundig zugenommen und wird heute in      standardisierten, mit allen Bequemlichkeiten ausgestatteten und von den   kommunalen Behörden genehmigten Etablissements ausgeübt.

Ohne die geringste Zurückhaltung tragen viele in aller Öffentlichkeit ihre     gegenseitige sinnliche Zuneigung zur Schau; in Apotheken und Supermärkten   werden Kondome öffentlich zum Kauf angeboten.

Der Geschlechtsverkehr wird von der Bindung an die Ehe gelöst; ohne Scham werden naturalistische Ausdrücke gebraucht; Kleidung und Haltung sind keineswegs der Reinheit förderlich. Dem sexuellen Verhalten fehlt der sittliche Anhaltspunkt; skandalöse Verhaltensweisen gesellschaftlich relevanter Persönlichkeiten erfahren weiteste Verbreitung; tolerant sieht man in der Gesellschaft über unannehmbares Verhalten hinweg.

Das alles sind deutliche Symptome einer großen sittlichen Krise, die sich nicht allein auf den Bereich der Sexualität erstreckt, sondern weit darüber hinausgeht und mehr ist als nur ein „kultureller Umbruch“, wie man behauptet hat.

Diese sittliche Krise wird von Papst Johannes Paul II. in seiner jüngst veröffentlichen Enzyklika Veritatis Splendor angesprochen, in der der Heilige Vater die Existenz einer objektiven Sittlichkeit einfordert.

Man könnte die Situation als einen negativen Kulturumbruch bezeichnen, an dessen Wurzel die moralische Krise steht.

Ich möchte dem noch eine bezeichnende Tatsache hinzufügen: Das Wort „Keuschheit“ ist aus dem heutigen Wortschatz fast völlig verschwunden; es ist nicht mehr die Rede von der Tugend der Keuschheit, und ich habe den Eindruck, daß dieses Thema auch nur noch selten ausdrücklich zum Gegenstand einer Predigt gemacht wird.

 
b. Verminderte Achtung gegenüber der Keuschheit in christlichen Kreisen flecha

Es ist hier nicht der Platz, in allen Einzelheiten auf die einschlägigen Untersuchungen zu diesem Thema einzugehen, man kann jedoch sicherlich behaupten, daß unter Christen und Leuten, die sich katholisch nennen, eine Gedankenverwirrung festzustellen ist, wenn es um dieses Thema geht.

In gewissen Kreisen sieht ein beträchtlicher Teil der Jugendlichen den vorehelichen Geschlechtsverkehr als etwas durchaus Rechtmäßiges an, vorausgesetzt, daß „es aus Liebe geschieht“; dabei wird die voreheliche sexuelle Betätigung als ein Mittel angesehen, „Erfahrung zu sammeln“.

Nichteheliche Partnerschaften stoßen auf wachsende Akzeptanz und Legitimierung, so daß bei den Kindern nach und nach der Eindruck entsteht, diese Verbindungen seien genauso rechtmäßig und respektabel wie die Ehe selbst.

Hinter der Infragestellung des priesterlichen Zölibats oder dem Unverständnis für seine Bedeutung steht ohne Zweifel die geringe Wertschätzung, die man der Keuschheit in der Form völliger Enthaltsamkeit aus Liebe zum Himmelreich entgegenbringt.

Die Permissivität ist die Folge einer Gesellschaft, die sich in Sachen Moral als „neutral“ versteht und daher keine klaren Anhaltspunkte und Ziele zur Wertung des Verhaltens liefern kann; sie tendiert dahin, den Eindruck zu bestätigen, daß ein von der Mehrheit getragenes Verhalten automatisch achtbar und annehmbar ist.

Hier tritt ein Pluralismus auf den Plan, der nicht nur als eine Bestätigung der Unterschiede verstanden wird, sondern auch als Hinderungsgrund, sittliche Urteile auszusprechen, sowie als Verbot der Behauptung, daß es „die“ Wahrheit gebe, und nicht etwa nur „meine“ Wahrheit und „deine“ Wahrheit.

Das selbst unter Christen angewandte Vokabular ist da äußerst aufschlußreich. Man spricht zum Beispiel vom „Paar“, und dieser zweideutige Begriff dient dazu, sittlich unannehmbaren Situationen ein legitimes Aussehen zu geben. Zwei Menschen, die eheähnlich zusammenleben, ohne tatsächlich verheiratet zu sein, werden damit zum „Paar“ und geben sich auch als ein solches aus, oder eben als „festes Paar“. Zwei junge Menschen, die zwar an Heirat denken, doch bereits geschlechtlich verkehren, nennen sich ebenso ein „Paar“, obwohl dieser Begriff eigentlich rechtmäßig verheiratete Eheleute bezeichnet. Man geht sogar so weit, den Begriff auf zusammenlebende Homosexuelle anzuwenden.

Benutzt wird auch die zweideutige Bezeichnung „Lebensgefährte“. Damit sind Menschen gemeint, die eheähnlich zusammenleben, ohne verheiratet zu sein  -  eine moralisch unhaltbare Situation also.

Es ist durchaus bemerkenswert, daß in gewissen christlichen Kreisen eine Art Angst herrscht, das falsche sexuelle Verhalten als „Sünde“ hinzustellen; lieber spricht man von „Irrtum“, von „Schwäche“, von „Verwirrung“, alles Wörter, die den ausdrücklichen Verweis auf Gott meiden, der das menschliche Tun bestimmen sollte.

Wie bedauernswert ist es doch, daß Unzucht und Ehebruch als „Liebesakt“ bezeichnet werden, so, als ob Sünde Liebe sein könnte!

 
c. AIDS flecha

Die Weltöffentlichkeit ist zu Recht über das Aufkommen dieser Pandemie besorgt, denn sie dringt scheinbar unaufhaltsam weiter vor; bis zum Augenblick konnte keine wirksame Behandlung gefunden werden.

Das Thema AIDS ist eng mit dem der Keuschheit verbunden. Vor allem, weil die Ansteckung größtenteils beim Sexualverkehr geschieht. Davon ist wiederum ein großer Anteil auf homosexuelle Kontakte zurückzuführen, doch gibt es auch Fälle, in denen sich die Ansteckung über heterosexuellen Verkehr verbreitet. Viel geringer ist die Zahl von Ansteckungen unter Eheleuten, die sich strikt an die eheliche Treue halten.

Wenn man die heute zur Verfügung stehenden Daten untersucht, kommt man zu dem Schluß, daß die eheliche Treue und die Keuschheit die wirksamsten Barrieren gegen die Ausbreitung von AIDS darstellen.

Gesagt werden muß auch, daß der Faktor, der am meisten zur Ausbreitung von AIDS beiträgt, in einem unordentlichen, unkeuschen und vor allem gleichgeschlechtlichen Sexualleben zu suchen ist.

Es ist jedoch schmerzlich beobachten zu müssen, daß sich der Kampf gegen AIDS vor allem auf die Verteilung und den Gebrauch von Kondomen konzentriert, die als „sicherer Sex“ hingestellt werden, ohne auch nur im Geringsten auf die sittliche Einschätzung des Geschlechtsverkehrs oder auf den nicht unbedeutenden Prozentsatz von Fällen einzugehen, in denen diese rein mechanischen Elemente versagen und damit in die Irre führen.

In einer permissiven Gesellschaft, in der man der Auffassung ist, „Erziehung“ bestünde darin, Risiken zu vermeiden, ohne sich um das „Wie“ zu kümmern und ohne die Frage nach der Sittlichkeit des eingesetzten Mittels zu stellen, könnte man meinen, „sicherer Sex“ sei das höchste Kriterium, was gleichbedeutend wäre mit „sicherem Sündigen“.

Solange man nicht auf der Bedeutung eines keuschen Lebenswandels für die Bekämpfung der Seuche besteht, wird das Aids-Problem auch nicht richtig eingeschätzt werden können.

 
d. Ehescheidung flecha

Es wäre bestimmt eine grobe Vereinfachung, wollte man behaupten, das Auseinanderbrechen einer ehelichen Gemeinschaft sei stets und ausschließlich auf das unkorrekte sexuelle Verhalten eines der beiden Ehegatten zurückzuführen. Andererseits würde es aber auch von offensichtlicher Unkenntnis der Wirklichkeit zeugen, wollte man behaupten, ein der Keuschheit entgegengesetztes Verhalten habe keinen oder nur einen geringen Einfluß auf das Scheitern der Ehe.

Gewöhnlich ist das Zerbrechen einer ehelichen Gemeinschaft das Ergebnis mehrerer Faktoren, doch unter diesen schreibe ich dem Mangel an Selbstbeherrschung in sexueller Hinsicht eine wichtige Rolle zu. Es gibt ungeordnete sexuelle voreheliche Verhaltensweisen, die einen äußerst negativen Einfluß auf das Zusammenleben in   der Ehe haben, sofern man sie nicht sühnt, sondern weiterhin aufgrund einer unreifen    und egoistischen Haltung als „Junggesellenfreiheiten“ ausgibt, anstatt sie als Beleidigung Gottes und sogar der menschlichen Natur anzusehen.

Wenn es zu einem nicht mehr rückgängig zu machenden Bruch zwischen den Ehegatten kommt, eröffnet sich ein neues Betätigungsfeld für die Keuschheit: Die Treue gegenüber dem Partner, von dem man getrennt ist, und der vielleicht einen bedeutenden Teil der Verantwortung für das Geschehene trägt, ist Ausdruck eines seelischen Zartgefühls, das für den nur schwer zu verstehen ist, der in der Ehe lediglich einen Vertrag über ein unbefristetes Zusammenleben sieht -eben „solange  die Liebe dauert“, wie man zu sagen pflegt.

 
e. „Erziehung zum rechten Gebrauch der Sexualität“ flecha

Das Thema ist an der Tagesordnung, seitdem das Erziehungsministerium nacheinander zwei Schriftstücke in dieser Sache veröffentlicht hat. Diese Dokumente, mit denen man angeblich den „kleinsten gemeinsamen Nenner“ zu finden versuchte, haben sich von den inhaltlichen Werten her weder als zufriedenstellend noch als  orientierungsgebend erwiesen, gerade, weil ihr „Pluralismus“ sie daran gehindert hat, von einem objektiven Moralbegriff auszugehen.

Das erste Schriftstück sprach von „Sexualerziehung“, einem zweideutigen Ausdruck, der in der zweiten Fassung durch „Erziehung betreffend die Sexualität“ ersetzt wurde, was bestimmt besser klingt. Dennoch wurde weder in der ersten noch in der zweiten Fassung die Keuschheit, als die dem reifen Mann und der Frau im Bereich der Sexualität und der Geschlechtlichkeit zukommende Haltung, angesprochen.

Ohne die Grundlagen einer korrekten Anthropologie kann es keine Erziehung geben. Ohne zu wissen, was der Mensch ist, und ohne sein Ziel und den Sinn seines Lebens und Handelns zu kennen, ist es unmöglich, ein Erziehungsprojekt zu entwerfen. Eine wirklich menschliche Anthropologie, die nicht allein auf soziologischen Statistiken oder psychologischen Beobachtungen beruht, hat unbedingt die Erziehung des Sexualbereichs einzuschließen, die natürlich vom Gesamtbild des Menschen abhängt, von seiner Natur, seinem Ziel und seinem Handeln.
 
Die Bedeutung des zweiten Textes liegt vor allem darin, daß er der Familie und der jeweiligen Erziehungseinrichtung das autonome Recht zuerkennt, den Programminhalt der Erziehung auf diesem Gebiet zu bestimmen. In einer umfassenden Erziehung nimmt die Erziehung zur Keuschheit sicherlich einen wichtigen Platz ein.

 
f. Das Jahr der Familie flecha

Sowohl die Vereinten Nationen als auch die katholische Kirche haben das Jahr 1994 zum Jahr der Familie erklärt. Während dieses Jahres wird die Kirche große Anstrengungen unternehmen, um die christliche Familie zu stärken, damit jedes Heim das werde, was es nach den liebevollen Plänen Gottes, der Quelle wahrer menschlicher Vollkommenheit, sein soll.

Zu den Anstrengungen der Kirche werden sicher auch Unterweisungen über die Ehe, über Ursprung und Grundlage der Familie, über die Vorbereitung auf die Ehe, über das erfüllte Leben in der Familiengemeinschaft, über die Familie als Hauptakteur der christlichen Erziehung der Kinder, über die religiöse Natur der Familienwirklichkeit, über die Familienkrisen usw. gehören.

Nun ist aber die Keuschheit ein äußerst wichtiger Faktor im Familiendasein. Die Vorbereitung auf die Ehe hat keusch zu sein, die gegenseitige Liebe der Gatten hat keusch zu sein, die Kinder müssen im Schoß der Familie die Voraussetzungen für eine Erziehung in der Keuschheit vorfinden.

 Ich will damit keineswegs behaupten, die Keuschheit sei das einzige Strukturelement der christlichen Familie, dennoch gilt es, darauf zu bestehen, daß sie neben anderen eine ihrer tragenden Säulen bildet und daß die übrigen ohne sie unvollständig und geschwächt erscheinen, solange ihnen die organische Schönheit der auf der inneren und äußeren Harmonie ihrer Mitglieder gründenden Familiengemeinschaft fehlt.

Die Atmosphäre von Keuschheit und Reinheit einer Familie kommt in der Würde ihrer Mitglieder zum Ausdruck und ist die notwendige Voraussetzung für das Gefühl der Gegenwart Gottes in dieser von der „häuslichen Kirche” gebildeten Kerngemeinschaft. Die Familie ist das geeignete Milieu für die umfassende Erziehung der Kinder, die ohne Zweifel auch die Erziehung zur Keuschheit beinhalten muß.

Die bisherigen Überlegungen weisen auf eine Reihe von Fakten und Situationen hin, die eine Reflexion über die Keuschheit nicht nur angebracht, sondern sogar notwendig erscheinen lassen. Für die von diesen Fakten ausgewiesene Problematik wird sich keine adäquate Lösung finden lassen, wenn keine Anstrengungen unternommen werden, den Menschen als Ganzes zu erziehen. Dies aber schließt eine Erziehung mit ein, die ihn dazu hinführt, eine keusche Haltung schätzen und üben zu lernen.

 
2. Adressaten flecha

Wie es sich für das Schreiben eines in seiner Funktion als Hirte der Kirche auftretenden Bischofs geziemt, ist es an erster Stelle an die katholischen Gläubigen gerichtet, die zu der Partikularkirche gehören, deren Obhut ihm der Heilige Vater anvertraut hat.

Ich richte mich besonders an die Diener der Kirche, die Priester, Diakone und Katecheten, sowie an die Familienväter, an die Jugendlichen und an die Kommunikationsorgane.

Die nichtkatholischen Christen können in diesem Schreiben den Ausdruck des auf der Heiligen Schrift beruhenden gemeinsamen Glaubens sehen, auch wenn sie in der Bewertung des kirchlichen Lehramtes nicht mit uns übereinstimmen.

Wer nicht den christlichen Glauben mit uns teilt, kann diesem Schreiben entnehmen, wie die katholische Kirche zu diesem Thema steht, und ihre Haltung schätzen lernen, die sich oft nur bruchstückhaft und unvollständig oder verzerrt dargestellt findet und deshalb leicht zu Mißverständnissen oder Auslegungen führt, die auf unzulänglicher Information beruhen.

Die Tugend der Keuschheit hat alle Christen zu interessieren, denn  es handelt sich um eine Haltung, die zur richtigen Bildung eines jeden gehört, der ernsthaft danach strebt, ein Mensch nach dem Willen Gottes und ein Jünger Christi zu sein. Es ist keine auf ein bestimmtes Alter oder einen bestimmten Stand beschränkte Tugend, sie erstreckt sich vielmehr auf das ganze Leben und geht sowohl Männer als auch Frauen an. Dennoch kommt ihr in der Jugend eine ganz besondere Bedeutung zu, zum einen, weil in diesem Alter der Geschlechtstrieb mit aller Macht hervorbricht, und zum andern, weil das Jugendalter der Lebensabschnitt ist, in dem die Persönlichkeit zur Ausübung aller Tugenden und damit auch der Keuschheit erzogen wird.

Ich bitte also alle, die dieses Schreiben lesen, daß sie dabei vor allem sich selber im Auge haben mögen, sowohl um Klarheit über ihre Auffassung und die moralische Einschätzung ihres Handelns zu gewinnen, als auch um mit Freude den Weg der Reinheit und der Überwindung der mit der Keuschheit unvereinbaren Neigungen einzuschlagen.

Dieser Blick auf uns selbst soll uns nicht daran hindern, die Wirklichkeit um uns herum zu betrachten und mit christlichem Augenmaß zu beurteilen, statt einfach nur nach dem Kriterium statistischer Nachweise und Häufigkeitskurven.

Da wir in einer Umgebung, einer Kultur, einer Gesellschaft leben, haben wir die unveräußerliche Pflicht, die Wirklichkeit mit der Wahrheit zu vergleichen, und dann, gestützt auf die letztere, unser moralisches Urteil zu fällen.

Nachzuweisen, daß etwas schlecht ist, und dies auch auszusprechen, ist kein Pharisäertum, sondern ein Akt der Nächstenliebe. Pharisäerhaft wäre es, mit dem Finger auf die andern zu weisen und dabei zu vergessen, daß wir selbst schwach und sündhaft sind. Es wäre ein Zeichen von Mangel an Nächstenliebe, dem gegenüber gefälliges Schweigen zu wahren, was zur Moral im Widerspruch steht.

Der Christ, der sich mit fremden Sünden konfrontiert sieht, darf sich deswegen nicht einem Gefühl des Hasses und der Verachtung gegenüber dem hingeben, der sündigt, sondern er sollte eine tiefe Trauer darüber verspüren, daß das Abbild Gottes in einem Menschen entstellt und damit der Heilsplan des Schöpfers und Erlösers vereitelt wird.

Ziel der von mir vorgeschlagenen Reflexion ist es, Unterlagen für das apostolische Wirken bereitzustellen. Jeder Christ hat einen Auftrag zu erfüllen und ist in einem gewissen Maß für die Erlösung seiner Brüder verantwortlich. Nun fängt aber der Weg zur Erlösung mit der Erleuchtung des Verstandes an, denn dieser muß zuerst einmal „umgestaltet“ werden, damit er „unterscheiden kann, was der Wille Gottes ist: was gut, was wohlgefällig und was vollkommen ist“ (Röm 12,1f).

In Zeiten der Verwirrung, wie der unsrigen, hat sich das apostolische Wirken notwendigerweise darin zu üben, Gedanken und Werte zu klären, das aber heißt, die Wahrheit mitzuteilen, die frei macht (vgl. Joh 8,32).

Wir dürfen nicht sorglos auf die Verwirrung des Denkens hinabschauen, denn gerade darin besteht eine der Vorgehensweisen  Satans, die seit Anbeginn von Lüge, Täuschung und Verführung durch den trügerischen Schein geprägt ist ( vgl. Gen 3, 1ff; Joh 8, 44).

Das betrügerische Vorgehen Satans verbirgt sich oft hinter beschönigenden Worten, hinter nichtssagenden Ausdrücken, die keine Ablehnung hervorrufen, hinter denen sich jedoch eine sittlich zu verwerfende Wirklichkeit versteckt. Wir kennen alle die Zweideutigkeit von Ausdrücken wie „Freundin“, „Schwangerschaftsabbruch“, „Paar“, „Gefährtin“, „Liebe“, alles Wörter, die häufig schwere Sünden verbergen.

Die Dinge bei ihrem Namen zu nennen und keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen, ist eine der Formen, um im Dienst der Wahrheit, und damit auch für die echte Freiheit, zu wirken.

 
3. Präzisierung einiger Begriffe flecha

In der Thematik, die uns hier beschäftigt, geht es um Begriffe, die ihrer Bedeutung nach miteinander zusammenhängen und die es gegeneinander abzugrenzen gilt.

 
a. Jungfräulichkeit flecha

Dieser Begriff weist ursprünglich auf einen biologischen Sachverhalt hin und meint die körperliche Integrität eines weiblichen Wesens. Jephtes Tochter beweinte auf den Bergen ihre Jungfernschaft, denn sie sah es als eine Schande an sterben zu müssen, ohne Kinder geboren zu haben (Ri 11, 30-40).

Die Jungfräulichkeit hat aber auch einen religiösen Sinn, nämlich den freiwilligen Verzicht auf die Ehe aus Liebe zum Himmelreich. Wir haben es hier mit einer Gegebenheit zu tun, die auf religiösem Antrieb beruht. In diesem zweiten Sinne wird der Begriff meistens auf Frauen angewandt, obwohl er in der Heiligen Schrift auch  auf Männer Anwendung findet, die aus religiösen Gründen auf die Ehe verzichtet haben
(vgl. Offb 14, 4).

Die Kirchenväter haben Abhandlungen über die Jungfräulichkeit verfaßt und den heiligen Jungfrauen Lob gezollt. Die katholische Liturgie enthält sowohl im Messbuch als auch im Stundengebet eigene Texte zu den Gedenk- und Festtagen der heiligen Jungfrauen.

Im Pontifikale findet sich ein feierlicher, gewöhnlich vom Bischof vorgenommener Ritus, mit dem Jungfrauen dem Herrn geweiht werden.

Das Trienter Konzil erklärte, daß die geweihte Jungfräulichkeit einen über der Ehe stehenden Stand bildet (24. Sitzung am 11. November 1563, Kanon 10), was aber nicht bedeutet, daß jemand allein aufgrund der Jungfrauenweihe schon als Heiliger oder Heilige anzusehen ist, beziehungsweise heiliger ist als Eheleute, die in Vollkommenheit im Ehestand leben.

Der heilige Ignatius von Loyola bezeichnet die Haltung derer, die die Jungfräulichkeit rühmen und schätzen, als ein Zeichen des „Fühlens mit der Kirche“, auch wenn sie selbst von Gott nicht berufen wurden, Ihm in diesem Stand zu dienen (vgl. Die geistlichen Übungen, 4. Regel zum Fühlen mit der Kirche).

 
b. Zölibat flecha

Auch dieser Begriff hat mindestens zwei Bedeutungen. Einmal meint er einfach die Tatsache, daß jemand nicht verheiratet ist, zum andern geht es um die Ehelosigkeit aus religiösem Grunde.

Es gibt Sprachen, in denen das Wort „zölibatär“ im Alltagsgebrauch gleich bedeutend ist mit „ledig“, doch schließt dieser Gebrauch dann nicht die Bedeutung von „keusch“ ein.

Im katholischen Sprachgebrauch kommt dem Wort „Zölibat“ eine religiöse Bedeutung zu und bezieht sich spezifisch auf den Mann, der im Hinblick auf das Priesteramt der römischen Kirche feierlich verspricht, keine Ehe einzugehen und dementsprechend ein Leben in zölibatärer Keuschheit zu führen.

Findet die Bezeichnung „Jungfrau“ vornehmlich auf Frauen Anwendung findet, so wird „Zölibat“ vornehmlich für Männer angewandt. Ein Mann kann sich dem Zölibat auch nach seiner Verwitwung oder nach einem Leben in Ausschweifung weihen, Frauen können jedoch nicht die Jungfrauenweihe empfangen, wenn sie bereits verheiratet waren oder freiwillig ihre Jungfräulichkeit verloren haben, sie können allerdings geloben, zukünftig die Keuschheit der Zölibatären einzuhalten.

 
c. Keuschheit flecha

Die Keuschheit ist eine Form der Tugend der Mäßigung, die darin besteht, die Leidenschaften und sinnlichen Begierden des Menschen zu beherrschen, damit diese nicht das Ziel des menschlichen und christlichen Daseins gefährden, das uns „für Gott zu leben“ heißt, und damit Ihn nichts an Wichtigkeit übertreffe, einen von Ihm getrennten Zweck verfolge oder, mit einem Wort, uns daran hindere, Ihn aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele und mit aller Kraft zu lieben (vgl. Dt 6, 5; Mt 22, 37).

Die Mäßigkeit bezieht sich auf den rechten Gebrauch der irdischen Dinge. Der Mensch bedarf ihrer, damit die genannten Dinge ihre Eigenschaft als Mittel im Dienste des letzten Zieles des menschlichen Seins behalten und nie zum Selbstzweck werden. Gegenüber verschiedenen zeitlichen Gütern reagiert die von der Sünde verletzte menschliche Natur mit heftigem Verlangen, mit Geldgier, Machtgier, Stolz , Ruhmsucht oder sexueller Begierde ( s. 1 Joh 2, 16).

Mäßigkeit und Keuschheit helfen dem Menschen, der Wahrheit seines Seins und seiner Bestimmung verpflichtet zu bleiben, ohne daß die ungeordneten Begierden zu Götzen anwachsen und Gott den Platz und die Liebe streitig machen, auf die nur Er allein ein Anrecht hat.

Konkret erlaubt die Keuschheit dem Menschen, Herr über seine Sinnlichkeit zu bleiben, die Bestimmung der Geschlechtlichkeit zu wahren und sie zu betätigen, ohne daß seine Liebe zu Gott geringer und die den Gotteskindern zustehende Freiheit eingeschränkt wird.

Die Tugend der Keuschheit kann vielerlei Formen annehmen und trägt Nuancen, die dem jeweiligen Stande des Christen entsprechen. Von einem Menschen, der sich der Jungfräulichkeit oder dem Zölibat geweiht hat, verlangt die Keuschheit etwas anderes als von dem, der rechtmäßig verheiratet ist, oder von einem, der zwar noch nicht geheiratet hat, sich jedoch mit der Absicht oder dem Wunsche trägt, sich eines Tages zu verehelichen.

Allen Formen der Keuschheit ist eines gemeinsam: die Herrschaft über den Geschlechtstrieb als Ausdruck des über alle übrigen Güter hinausgehenden Strebens nach Gott, sodaß ein jedes Gut nur im Hinblick auf das Streben nach Gott und Seiner Liebe angestrebt wird.

So ist die Keuschheit also keine negative Einstellung, hat sie doch, auch wenn sie Opfer und Entsagungen verlangt, stets ein höchst positives Gut zum Ziel: die Liebe Gottes. Man ist keusch, um Gott zu lieben. So ist die Seligpreisung zu verstehen, die die Herzensreinen glücklich schätzt, weil sie Gott schauen werden (s. Mt 5, 8): Wer im weitesten Sinn des Wortes rein ist, ist in der Lage, Gott zu „schauen“, Ihn zu lieben, Ihm ehrlich zu sagen, daß nichts so wichtig ist wie Er, in keiner Situation und unter keiner Voraussetzung.

 
4. Quellen der katholischen Keuschheitslehre flecha

Wie bei allen Themen, die das christliche Leben betreffen, ist die Heilige Schrift auch in der Frage nach der Natur der Keuschheit die wichtigste Erkenntnisquelle. In dem nun folgenden Abschnitt werden wir uns dieser Quelle zuwenden.

Kirchenväter und Kirchenlehrer haben über das Thema geschrieben. Das Lehramt hat sich in einer Reihe von Verlautbarungen ebenfalls geäußert, so etwa auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil, in Enzykliken und in besonderer Weise im Katechismus der Katholischen Kirche, wo diese Thematik insbesondere unter den Nummern 1809, 2337 bis 2365, 2380 bis 2391 und 2514 bis 2533 behandelt wird.

Ich lade herzlichst zur Lektüre dieser lehrreichen Texte ein, die die authentische Lehre im Hinblick auf den Fortschritt in diesem Bereich des geistigen Lebens darstellen. Ich habe bereits darauf hingewiesen, daß auch die Liturgie der Kirche auf das Thema der Keuschheit eingeht, vor allem, wenn sie von der geweihten Jungfräulichkeit spricht.

Das Leben der Kirche ist fruchtbar an Formen und hervorragenden Beispielen von Keuschheit und Jungfräulichkeit. Dies bezeugen uns Gestalten, wie etwa die heiligen Jungfrauen und Martyrinen Agnes und Cäcilia, aber auch heilige Mönche und Konvertiten, wie der heilige Augustinus, heilige Witwer und Witwen, wie der heilige Franz Borgia und die heilige Johanna Franziska Frémiot von Chantal, der heilige Ludwig Gonzaga, die heilige Maria Goretti, die Martyrin der Jungfräulichkeit, sowie unsere Landsleute, wie die heilige Theresa de los Andes und die selige Laurita Vicuña, deren Leben Ereignisse enthält, die uns zu der Überzeugung bringen, daß sie nicht nur in die Reihe der Jungfrauen, sondern auch in die der Martyrer aufgenommen zu werden verdienen.

Heute wie gestern und zu allen Zeiten hat sich der vollkommene Jünger Christi in allen Tugenden zu üben, und zu diesen gehört auch die Keuschheit entsprechend der jeweiligen Lebensform.

 
5. Die Keuschheit in der Heiligen Schrift flecha
In der Heiligen Schrift sind unter verschiedenen Formen Lehren über die Keuschheit zu finden. Natürlich ist da die Rede von reinem Verhalten und es gibt Texte, die zur Keuschheit anhalten und sie im Lichte des göttlichen Heilsplans sehen. Schließlich gibt es ablehnende Worte gegenüber einem der Keuschheit entgegenstehenden Verhalten. Oft gehen diese verschiedenen Lehrweisen ineinander über und machen daher eine Systematisierung weder leicht, noch lassen sie diese unbedingt natürlich erscheinen.  
a. Im Alten Testament flecha

Wir wissen, daß sich das Sittlichkeitsgefühl im Volke Israel nach und nach entwickelt hat und gereift ist. In den Anfangszeiten werden gewisse Verhaltensweisen noch nicht getadelt, die später langsam verschwanden oder negativ bewertet wurden. Die abschließende Phase des Reifungsprozesses des moralischen Urteilsvermögens setzt erst mit Jesus Christus und Seinem Evangelium ein. Dies dürfen wir nicht außer außer acht lassen.

Dennoch gibt es im Alten Testament durchaus wertvolle Lehren über die Ehe und die Keuschheit. Den ersten Hinweis finden wir in der Genesis (1, 27 und 2, 18-25). Die Geschlechtlichkeit wird als Bestandteil des menschlichen Wesens, als ein Werk Gottes hingestellt: Er ist es, der den Menschen als Mann und Frau erschafft, damit sie einander ergänzen und sich in der Einheit der Ehe fortpflanzen; diese Einheit ist so tief, daß sie vor den übrigen Familienbanden den Vorrang hat. Der Mann sieht die Frau, erkennt sie als Fleisch von seinem Fleisch und Gebein von seinem Gebein, er  verläßt Vater und Mutter und vereinigt sich mit seiner Frau, so daß sie zu einem  Fleisch werden. Hier erscheint der Unterschied der Geschlechter , der Unterschied von Mann und Frau, sowie  seine tiefere Einheit, als Werk Gottes.

Der biblische Text sagt, daß sie „nackt waren, der Mann und seine Frau, daß sie sich aber nicht voreinander schämten“. Die Sünde hatte noch nicht den ungeordneten Geschlechtstrieb eingeführt und die Liebe zwischen Mann und Frau war heiter und frei von Lüsternheit. Als aber die Ureltern gesündigt hatten, „öffneten sich ihnen die Augen und sie merkten, daß sie nackt waren,“ und bekleideten sich (Gen 3, 7).

Die Sünde hatte zur Unordnung geführt, und diese Unordnung mußte beherrscht werden. Dazu aber war die Schamhaftigkeit vonnöten, die im Gebrauch von Kleidung ihren Ausdruck fand. Später sagt Gott zur Frau, sie werde Verlangen nach ihrem Manne haben, dieser aber werde über sie herrschen (Gen 3, 16). Die Beziehungen zwischen Mann und Frau sind jetzt nicht mehr heiterer Natur, denn sie tragen nun das Mal der Unordnung, der Lüsternheit und des Egoismus.

In der Geschichte Abrahams gibt es ein Kapitel voller Dramatik, nämlich die Erzählung von der Zerstörung der verruchten Städte Sodom und Gomorra, die von der Sünde der Homosexualität befleckt waren, der in ihren Mauern auf unverschämte Weise und mit Gewalt nachgegangen wurde (vgl. Gen 18, 20 -22; 19, 1 - 19).

Die homosexuellen Praktiken werden hier rundweg verdammt, denn sie stellten eine Entwürdigung der Geschlechtlichkeit dar, die dadurch, daß sie nur noch der „vitalen Erfahrung von Kraft und Macht dient“, den Verlust des ihr von Gott gegebenen, eigentlichen Sinnes offenbart.

Als es schließlich auf dem Sinai zum Bunde kommt, gibt Gott Mose die Gebote des Gesetzes. Darin heißt es unter anderem: „du sollst nicht ehebrechen“ (Ex 20, 14; Dt 5, 18). Im Buch Leviticus (Kap. 18) sind weitere Vorschriften zum rechten Gebrauch der Sexualität zu finden.

Diese Forderungen der „Gesetze des Bundes“ Gottes mit Israel zeigen, daß die Sexualmoral keineswegs etwas „Privates“ ist, sondern daß sie mit Gott und dem Zusammenleben im Volke Gottes zu tun hat.

Bevor sich Jakob und seine Söhne in Ägypten niederlassen, kommt es zu einer Episode, die ein neues Licht auf die Keuschheit wirft. Er, ein Sohn des Judas, hatte eine Frau namens Tamar geheiratet. Doch er starb, ohne Nachkommenschaft hinterlassen zu haben. In Erfüllung der Leviratspflicht (Dt 25, 5ff) nahm nun Onan, der Bruder des Er, dessen Witwe Tamar zur Frau. Nach dem Gesetz sollte die Nachkommenschaft, die der Verbindung einer Frau mit dem Bruder ihres verstorbenen Mannes entstammte, als Nachkommenschaft des Verstorbenen betrachtet werden, um auf diese Weise zu verhindern, daß dessen Geschlecht aussterbe. Nun nahm Onan zwar Tamar zur Frau, wollte aber auf keinen Fall, daß ein eventueller Sohn von beiden gesetzlich als Sohn seines verstorbenen Bruders Er gelten sollte. Wenn er mit Tamar verkehrte, unterbrach er daher den ehelichen Akt und ließ seinen Samen auf die Erde fallen. Gott mißfiel dieses Verhalten Onans, da es sowohl von Selbstsucht gegenüber dem Andenken seines Bruders zeugte als auch im Umgang mit seiner Frau gegen die Natur verstieß, und er ließ ihn sterben (Gen 38, 1-10). Die Fortsetzung der Geschichte zeigt jedoch, wie grob damals unter den Israeliten noch der Begriff von Sexualmoral war (Gen 38, 11-26), wenngleich es auch einige Lichtblicke gab.

Das Zusammentreffen von Rut und Boas, der später ihr Mann werden sollte, und die beide zu den Vorfahren Davids und Jesu zählen, ist eine Meistererzählung voller Takt und Familientugenden. Rut sucht Boas nach den Vorschriften des mosaischen Gesetzes auf. Boas behandelt sie auf keusche Weise und macht sie schließlich zu seiner Frau (Rt 3f).

Viele Verdienste hat sich David als religiöser Mensch und als Herrscher erworben. Doch es gibt in seinem Leben eine schreckliche Episode der Unreinheit. Die Schrift sagt zwar nichts über die Absichten Batsebas, der Frau Urias und Nachbarin Davids, die sich auf der Terrasse ihres Hauses badete. Wir wissen nur, daß David sie sah, sie zu besitzen begehrte und sie holen ließ. Nachdem Batseba einen Sohn von David empfangen hatte, ersann dieser eine Strategie, wie das Kind als Sohn seines Untergebenen Uria gelten könnte. Doch der Plan mißlang. Daraufhin befahl David, Uria zu töten; und so geschah es. So gesellte sich zum Ehebruch auch noch der Mord. Gott bediente sich eines Propheten, um David auf das Härteste zurechtzuweisen, und strafte ihn schließlich. David tat Buße und brachte in einem Psalm seinen Schmerz und seine Reue zum Ausdruck (vgl. 2 Sam 11; 12, 1-15; Ps 51).

Der Text ist unter verschiedenen Gesichtspunkten lehrreich. Da ist etwa eingangs die Entfachung fremder Lüsternheit zu beachten. Dann geht es um die Gefahr, die darin besteht, etwas anzuschauen, was Leidenschaft hervorrufen könnte. Später gilt es die Folgen der Sünde zu verbergen, wie man etwa heute ein in Sünde empfangenes Kind zum Tod durch Abtreibung verurteilt, damit die eigentlichen Schuldigen ihre „Ehre retten“ können.

David war der Vater des weisen Königs Salomo. Zwar wurden viele Erwartungen in den neuen König gesetzt, doch die Unzucht machte sein Herz blind. Die Schrift sagt, daß er viele ausländische Frauen liebte und mit Leidenschaft an ihnen hing. Im Alter überredeten ihn seine Frauen, sich anderen Göttern zuzuwenden, sodaß sein Herz nicht mehr allein Jahwe, seinem Gott, gehörte, wie einst das Herz Davids, seines Vaters. Schließlich baute er den Götzen seiner Frauen sogar Tempel und lief hinter ihnen her (s. 1 Kg 11, 1-13).

In der Geschichte Salomos erscheint die Ehe im Dienste der Macht oder politischer Vorteile, die Sexualität aber wird zu einem Götzendienst, der den Menschen versklavt.

In den Schriften des Alten Testaments, die als Ausdruck der israelitischen Weisheit anzusehen sind, finden sich viele Lehren über die Keuschheit. Diese Schriften gehören unterschiedlichen Literaturgattungen an, auf die wir hier nicht näher einzugehen brauchen. Die Tradition der Kirche hat in diesen Schriften stets eine Zielgerichtetheit gesehen, die erst im Lichte des Neuen Testaments völlig deutlich wird. Die Reihenfolge, in die hier die biblischen Personen oder Bücher gestellt werden, soll keineswegs als eine genaue chronologische Abfolge verstanden werden.

In seinem bitteren Reinigungseid erklärte Job, daß er einen Bund mit seinen Augen geschlossen habe, „nie eine Jungfrau lüstern anzusehen“ ( Job 31,1), und daß sein Herz nie von einer Frau verführt wurde: Zwei Hinweise also auf die Keuschheit der Augen sowie die innere Rechtschaffenheit.

Eindrucksvoll ist die Geschichte Josefs, des Lieblingssohnes des Patriarchen Jakob. Von seinen Brüdern verkauft, wurde er schließlich von einem ägyptischen Hofbeamten gekauft und stieg zu dessen Vertrauensmann auf. Die Schrift sagt, daß Josef schön von Gestalt und Aussehen war (Gen 39, 1-6). So fühlte sich die Frau des Hofbeamten zu ihm hingezogen, Josef aber wies sie ab: „Wie sollte ich so ein großes Unrecht tun und wider Gott sündigen“ (V. 9). Doch die Verführerin ließ nicht von ihm ab und redete täglich auf Josef ein. Der Jüngling aber blieb bei seiner keuschen Absage, und die zurückgewiesene Frau rächte sich, indem sie ihn bei ihrem Mann verleumdete. Dieser ließ Josef ins Gefängnis werfen (V. 10-20).

Reich ist die Lehre, die wir aus diesem Text ziehen können: Es geht um die eheliche Treue und ihren religiösen Sinn, um die Notwendigkeit, den Versuchungen zu widerstehen, sowie um die schmerzlichen Folgen, die die Standhaftigkeit mit  sich bringen kann. Doch zeigt der Bericht in seinem weiteren Verlauf auch, daß Gott seinen Schützling nicht verlassen hat.

Im Buch des Propheten Daniel erscheint der literarisch und religiös gesehen sehr schöne Bericht von der keuschen Susanna (Kap. 13). Die junge, verheiratete, reiche und sehr schöne Susanna wurde zum Ziel der Begierde von zwei Ältesten, die in der jüdischen Gemeinde zu Babylon hohe Ämter innehatten. Auf diese ihre Macht beriefen sie sich, um sie gefügig zu machen – heute würde man von sexueller Belästigung sprechen. Sie drohten Susanna mit Verleumdung und Verurteilung zum Tode, falls sie ihrem unzüchtigen Begehren nicht nachgeben sollte. Wie herrlich aber ist die Antwort Susannas: „Drangsal umgibt mich von allen Seiten. Tue ich dies, ist der Tod mir gewiß; tue ich es nicht, werde ich eurer Gewalt nicht entrinnen. Doch lieber ist es mir, das nicht zu tun und in eure Gewalt zu fallen, als vor dem Herrn zu sündigen“ (Dan 13, 22f). Auf die falsche Anklage des Ehebruchs hin zum Tode verurteilt, betete Susanna zu Gott: „O ewiger Gott, der Du die verborgenen Dinge kennst, der Du alles weißt, noch bevor es sich ereignet! Du weißt auch, daß diese ein lügenhaftes Zeugnis gegen mich ablegten. So muß ich denn sterben, und habe doch nichts von dem getan, dessen mich diese da boshafterweise bezichtigen“ (Dan 13, 42f). Gott erhörte das Flehen Susannas.

In diesem Bericht finden wir eine sehr starke Lehre: Lieber sterben als sündigen und Gott beleidigen. Die hier abgelehnte Sünde ist die eheliche Untreue. Nicht wenige Frauen befinden sich in einer ähnlichen Situation wie Susanna, wenn sie von einem mächtigen Chef belästigt werden, von dem ihr Arbeitsplatz, ihr Unterhalt und der ihrer Familie abhängt. Die Antwort einer Christin wird jedoch immer so lauten, wie die Susannas.

Auch im Buch Tobit gibt es kurze Hinweise auf die Keuschheit. So rät der Engel dem Jüngling, sich vor der geschlechtlichen Vereinigung mit seiner Frau zu erheben, zu Gott zu beten und dessen Erbarmen anzuflehen. Tobias verliebte sich in die ihm verwandte Sara, nahm sie zur Frau, und in der Hochzeitsnacht beteten beide also: „Gepriesen bist Du, Gott unserer Väter, gepriesen sei Dein heiliger und ehrwürdiger Name in alle Ewigkeit! Du hast Adam gebildet und gabst ihm als Stütze Eva zu seinem Weibe. Diesen sind die Stammeltern des Menschengeschlechtes. Du selbst hast gesagt: Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei. Wir wollen ihm eine Gehilfin machen, die zu ihm paßt. Und nun, Herr, heirate ich diese meine Schwester nicht der großen Sinnlichkeit wegen, sondern in lauterer Absicht. Erbarme Dich meiner und laß uns gemeinsam zu hohem Alter gelangen!“ (Tob 8, 5-7).

In diesem Bericht wird die eheliche Vereinigung im Bereich einer tiefen Verbindung mit Gott gesehen. Tobias und Sara heiraten, um den Willen Gottes zu erfüllen, und ihre Vereinigung geschieht in einer Haltung des Gebets. Die Liebe, die sie verbindet, findet zwar ihren körperlichen Ausdruck, doch Tobias kümmert sich um die Reinheit seiner Absicht. Für die Christen, die eine Ehe eingehen, ist hierin eine große Lehre verborgen: Die Wirklichkeit der ehelichen Vereinigung ist allein unter dem Gesichtspunkt Gottes völlig zu verstehen.

Das Buch Ester berichtet vom Gottvertrauen der jungen Königin und ihrer aufrichtigen Treue zum Gotte Israels. Im Text findet sich ein Ausdruck, der richtungsweisend ist: In ihrem Gebet wendet sich nämlich Ester wie folgt an Gott: „Du kennst alles und Du weißt auch, daß ich den Prunk der Gesetzlosen hasse, das Ehebett eines Unbeschnittenen ...“ (Est 4, 15).

Dieser kurze Satz hat eine tiefe religiöse Bedeutung: Die eheliche Gemeinschaft mit einem Menschen, der Gott fernsteht, kann nicht gottgefällig sein. Vielleicht darf man annehmen, daß hier bereits auf verhüllte Weise auf die Ehe als Sinnbild der bräutlichen Liebe Gottes zu Seinem Volke hingewiesen werden soll.

Zu unserem Zweck läßt sich auch das Ecclesiasticus genannte Buch des Jesus Sirach anführen, in dessen 9. Kapitel Ratschläge gegeben werden, die sich auf die Keuschheit beziehen:

Meide den Umgang mit Dirnen, wende dein Augenmerk nicht auf Jungfrauen, schau nicht neugierig umher, verhülle vor einer hübschen Frau das Auge und betrachte nicht die Schönheit der Frau eines andern, laß dich nicht mit verheirateten Frauen ein, denn „wegen der Schönheit einer Frau sind schon viele ins Verderben gestürzt“ (Sir 9, 3-9).

Einige Kapitel weiter ist im selben Buch zu lesen: „Der Mensch, der mit dem eigenen Leibe Unzucht treibt, hört nimmer auf, bis das Feuer ausgebrannt ist. Dem Wüstling schmeckt gar süß ein jedes Brot, er läßt nicht nach, bis er dem Untergang verfällt. Ein Mensch treibt Ehebruch auf seinem Lager, indem er bei sich denkt: ,Wer kann mich sehen? Das Dunkel hüllt mich ein, die Wände bergen mich und niemand sieht mich. Was soll ich mich fürchten?‘ An den höchsten Herrn denkt er dabei nicht, nur vor den Menschenaugen hat er Furcht. Er denkt nicht, daß die Augen Gottes viel tausendmal heller sind als die Sonne, daß sie auf alle Menschenwege blicken und bis in die verborgensten Winkel blicken“ (Sir 23, 17 b -19).

Die Anweisungen dieses zeitlich bereits in der Nähe des Neuen Testamentes liegenden Weisheitsbuches enthalten nicht nur Verhaltensregeln, sondern auch den Hinweis, daß der Bereich der Reinheit unter dem Augenmerk Gottes steht. Wie im übrigen Alten Testament verurteilt auch Jesus Sirach mit harten Worten die Sünde der Ehebrecherin (Sir 23, 22-26).

Im Buch der Sprüche sind zahlreiche Lehren über die Treue in der Ehe und über die Keuschheit zu finden. Da steht etwa geschrieben: „Von Honig trieft die Lippe einer fremden Frau, und glatter ist ihr Gaumen noch als Öl. Zuletzt jedoch ist sie wie Wermut bitter ... Freue dich der Frau aus deiner Jugendzeit, wie eine Hinde hold, wie eine Gemse zart. Es soll dich ihre Liebe allzeit erquicken und ihre Minne dich berauschen immerdar. Was sollst du dich, mein Sohn, berauschen an der Fremden?“ (Spr 5, 2-4, 18-20). „Dein Herz begehre nicht nach ihrer (lasterhaften) Schönheit, noch soll sie dich mit ihren Blicken fangen ... Kann man im Schoße Feuer tragen, ohne die Kleider zu versengen?“ (6, 25.27; s. auch 7, 5-27). „Das ist der Weg der Ehebrecherin: Sie ißt und wischt den Mund sich ab und spricht: ,Ich tat nichts Schlechtes!‘ “ (30,20).

Alle diese Weisheitstexte zeigen zwar einen kontinuierlichen Fortschritt in der Wertschätzung der Keuschheit, doch bleibt noch ein weiter Weg zu durchlaufen.

In verschiedenen prophetischen und Weisheitstexten taucht das Thema der Liebe Gottes zu Seinem Volke im Bilde einer Hochzeit auf. Dazu gehört auch der Begriff des Ehebruchs, der das Vergehen des Volkes beschreiben soll, das sich anderen Göttern zuwendet (vgl. Hos 2, 4ff; Ez 16,3ff; Jer 2,1ff; 3, 20ff und vor allem das Hohelied). Dieses Bild wird auch im Neuen Testament wieder auftauchen (z. B. Joh 3, 29; Eph 5, 22-33; Offb 21, 2ff).

Unter diesem Blickwinkel werden einige Vorschriften des Levitikus verständlich, eines Buches, das sich ziemlich ausgiebig zur Heiligkeit der Priester des Alten Bundes äußert. Natürlich deckt sich diese „gesetzliche Heiligkeit“ nicht mit dem, was wir unter Heiligkeit verstehen, doch liegt auch ihr die Überzeugung zugrunde, daß der Priester Gott geweiht ist und im Dienste des Gottesdienstes  zu stehen hat. Was die einfachen Priester angeht, wird festgesetzt, daß sie keine Dirne oder Entehrte zur Frau nehmen dürfen, noch eine Frau heiraten dürfen, die von ihrem Mann verstoßen wurde (Lev 21,7). Der Hohepriester aber, der mit dem Öl seines Gottes gesalbt war, muß eine Jungfrau zum Weibe nehmen (Lev 21,13f). Das Priestertum der Söhne Aarons erscheint als ein Zeichen der Beziehung zwischen Gott und seinem Volke und wird darum zum Hinweis auf das Priestertum Christi und seiner Diener im Neuen Bund. Unter diesem Gesichtspunkt erscheint auch die Keuschheit in einem neuen Licht, als Vorzeichen dessen, was im Neuen Testament kommen wird.

Das Keuschheitsthema erscheint im Alten Testament unter dem Blickwinkel der fortschreitenden Offenbarung der Wege der Erlösung, die Gott seinem Volke zukommen läßt. Dies gilt auch für die Verhaltensweisen, die mit diesen Wegen übereinstimmen. Es gibt keine umfassende, ausdrückliche Lehre über die Keuschheit, sondern es werden nach und nach einzelne Punkte beleuchtet, die wie im Widerschein das zukünftige Licht ankündigen. Sie sind nicht polemischer Natur, sie bekräftigen nur die Überzeugungen der heiligen Verfasser. Es sind Episoden oder Aussagen, die auf natürliche Weise vorgetragen werden und damit das Thema innerhalb des religiösen Horizonts der Israeliten einführen.

Es entsteht dabei deutlich der Eindruck, daß ein keusches Verhalten etwas Würdiges ist, daß es der Gerechtigkeit und der Heiligkeit entspricht, daß es aus einem Herzen hervorgeht, das Gott gehört, und daß es die wahre Weisheit möglich macht.

Die Keuschheit ist ein religiöses Thema, das mit der Suche nach Gott verbunden ist, so wie die Unzucht Gottesferne, Beleidigung Gottes und Götzendienst bedeutet.

Ohne Zweifel reicht das Alte Testament nicht an die Klarheit heran, die das Neue mit sich bringen wird, es bereitet diese jedoch vor, kündigt sie an und erlaubt es, sie irgendwie vorauszuahnen. Nach und nach wird zwar das Ideal der monogamen Ehe wiederhergestellt, doch die Scheidung bleibt als Möglichkeit beibehalten, wenn es auch Meinungsverschiedenheiten hinsichtlich der Gründe gibt, die eine solche rechtfertigen sollen. Erst Jesus wird dann das ursprüngliche Ehestatut wiederherstellen und die Scheidung endgültig ausschließen.

 
b. Im Neuen Testament flecha

Im Neuen Testament sind die Lehren über die Keuschheit viel zahlreicher als im Alten. Es gibt viele Möglichkeiten, sie zu systematisieren, doch ist bei jeder von ihnen mit gewissen Vorteilen und Schwierigkeiten zu rechnen. Ich habe mich hier für eine Vorgehensweise entschieden, die mir die Lektüre zu erleichtern scheint: Danach wird zuerst auf Persönlichkeiten eingegangen, deren Jungfräulichkeit oder Keuschheit besonders hervorzuheben ist. Sodann werden die Lehren Jesu erläutert und schließlich werden die Aussagen festgehalten, die in der Lehre des heiligen Paulus auftauchen. Dabei wird auch auf einige Hinweise in den Schriften anderer Apostel einzugehen sein.

ba. Jesus selbst lebte ehelos, keusch und jungfräulich. Diese Aussage steht zwar so nicht ausdrücklich im Neuen Testament, ergibt sich aber aus diesem mit aller Natürlichkeit und erklärt nicht wenige Haltungen des Herrn.

Maria war jungfräulich vor der Empfängnis Jesu und blieb es auch während der Geburt und danach. So liest die Kirche die Angaben der Heiligen Schrift, und so legt sie unter der Führung des Heiligen Geistes die Antwort Marias an den Engel aus: „Wie wird dies (die von ihm angekündigte Befruchtung) geschehen, da ich keinen Mann erkenne?“ (Lk 1, 34).

Josef, der Gemahl Marias, wird vom Engel unterrichtet und mit der Erklärung beruhigt, daß seine Angetraute durch das Wirken des Heiligen Geistes empfangen habe. Die Kirche bezeichnet den heiligen Josef als „keuschesten Gemahl Marias“, und die spirituelle katholische Tradition sieht im Nährvater Jesu den besonderen Patron und Schutzheiligen der Keuschheit der gottgeweihten Menschen, so wie er auch der Wächter der Jungfräulichkeit Marias gewesen ist.

Johannes der Täufer lebte ehelos; bei ihm ist die zölibatäre Keuschheit im Rahmen seiner außerordentlichen Selbstlosigkeit und Einsamkeit zu sehen.

Der heilige Paulus sagt von sich selbst, daß er unverheiratet geblieben sei (1 Kor 7, 8) und seine Lehren über die Jungfräulichkeit machen den Eindruck persönlicher Erfahrung (1 Kor 7, 25).

Die katholische Tradition sieht in dem Apostel und Evangelisten Johannes schon immer einen zölibatären, jungfräulichen Mann. Vielleicht erklären seine innere Reinheit und Hingabe die tiefe Kenntnis, die er von Jesus hatte, sowie auch die Tatsache, daß der Herr ihm am Kreuz Seine jungfräuliche Mutter anvertraut hat.

Hingewiesen werden soll hier auch auf die klare und entschiedene Haltung Johannes des Täufers gegenüber Herodes. Angesichts der Sünde des Ehebruchs und der Blutschande, die Herodes Antipas begangen hatte, indem er Herodias, die legitime Gattin seines Halbbruders Philippus, zu sich genommen hatte, sagte ihm der Prophet mit aller Deutlichkeit, daß er mit der Frau seines Bruders nicht zusammenleben dürfe (Mt 14, 4). Er legte damit ein Zeugnis für die eheliche Treue und gegen die Unzucht des Tetrarchen ab. Das Ergebnis kennen wir: Herodias‘ Hass gegen Johannes, die Verführung des Herodes, dieses unbedeutenden Königs, durch Herodias‘ Tochter und das Todesurteil gegen Johannes als Belohnung für einen Tanz, der wohl der Inbegriff der Aufreizung zur Unzüchtigkeit gewesen sein dürfte

bb. Jesus hat sich wiederholt über die Keuschheit geäußert, sei es im Zusammenhang mit der Ehe, sei es außerhalb dieses Zusammenhangs.

In dem allgemein als „Bergpredigt“ bezeichneten Text sagt Jesus: „Ihr habt gehört, daß gesagt wurde, ,Du sollst nicht ehebrechen‘. Ich aber sage euch: Ein jeder, der eine Frau mit begehrlicher Absicht anblickt, hat in seinem Herzen schon die Ehe mit ihr gebrochen“ (Mt 5, 27f). Darauf folgen die bildhaften Ausdrücke vom Abschlagen der Hand und vom Ausreißen des Auges, wenn dies zur Erhaltung der christlichen Lebensführung, oder zur Vermeidung einer Gelegenheit zur Sünde, wie wir heute sagen würden, notwendig werden sollte.

Die Anprangerung anzüglicher Blicke ist ein Hinweis auf die Verinnerlichung der christlichen Heiligkeit im Vergleich zur mosaischen Gerechtigkeit und gleichzeitig ein Widerhall der bereits zitierten Aussagen Jobs (31, 1.9) und des Jesus Sirach (9. 8). An einer anderen Stelle sagt Jesus, daß „das, was aus dem Munde herausgeht, aus dem Herzen kommt und daher den Menschen verunreinigt. Denn aus dem Herzen kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsches Zeugnis und Lästerung. Das ist es, was den Menschen verunreinigt“ (Mt 15, 18-20), und nicht etwa die Tatsache, daß man ißt, ohne vorher die Hände gewaschen zu haben, wie es die Reinheitsgesetze des Alten Bundes verlangten. Diese Texte sind sehr konkrete Anwendungen des in der Seligpreisung aufgestellten Prinzips, das jene „selig“ nennt, die da reinen Herzens sind, „denn sie werden Gott schauen“ (Mt 5, 8).

Die wahre christliche Keuschheit kommt aus dem Herzen, aus einem geordneten, gereinigten Herzen, in dem sich keine unaufrichtigen Antriebe verbergen.

Zur ehelichen Treue ist im Markus-Evangelium zu lesen: „Und es traten Pharisäer heran und fragten ihn: ,Ist es einem Mann erlaubt, seine Frau zu entlassen?‘ Sie stellten ihn damit auf die Probe. Er aber antwortete ihnen: ,Was hat euch Moses geboten?‘ Sie sagten: ,Moses hat erlaubt, einen Scheidebrief zu schreiben und die Frau zu entlassen‘ (s. Dt 24, 1). Jesus sprach zu ihnen: ,Eurer Herzenshärte wegen schrieb er für euch dieses Gebot. Von Anbeginn der Schöpfung aber hat Gott sie als Mann und Frau geschaffen. Deshalb wird der Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und die zwei werden ein Fleisch sein. Sie sind also nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. Was nun Gott verbunden hat, das soll der Mensch nicht trennen‘. Zu Hause befragten ihn seine Jünger nochmals darüber, und er sprach zu ihnen: ,Wer seine Frau entläßt und eine andere heiratet, der bricht an ihr die Ehe. Und wenn sie ihren Mann entläßt und einen anderen heiratet, bricht sie die Ehe“ (Mk 10, 1-12; s. auch Mt 5, 31f; 19, 3-9; Lk 16, 18; 1 Kor 7, 10f).

Die Lehre Jesu stellt somit das ursprüngliche Bild der Ehe wieder her. Sie macht zugleich deutlich, daß dieses Bild nicht allein auf soziologischen oder psychologischen Grundlagen beruht, sondern daß es hier um den Willen Gottes selbst geht: „Was Gott verbunden hat, das soll der Mensch nicht trennen.“

Es handelt sich insofern nicht etwa um eine Empfehlung, so, als wenn jemand sagte, das ist besser, andere aber ebenfalls annehmbare Alternativen können nicht ausgeschlossen werden. Nein, Jesus schließt die mosaische Toleranz ausdrücklich aus und bezeichnet eine neue Verbindung als Ehebruch, das heißt, als unrechtmäßig und sündhaft, weil sie dem Willen Gottes widerspricht.

Die Lehre Jesu über die Ehe löste bei Seinen Jüngern keineswegs eine evangelische Reaktion aus: „Wenn die Sache von Mann und Frau so steht, ist es nicht gut zu heiraten.‘ Er antwortete ihnen: ,Nicht alle fassen dieses Wort, sondern nur jene, denen es gegeben ist. Denn es gibt Ehelose, die vom Mutterleib so geboren sind, und es gibt Ehelose, die von Menschen eheunfähig gemacht wurden; und es gibt Ehelose, die um des Himmelreiches willen sich der Ehe enthalten. Wer es fassen kann, der fasse es!‘“ (Mt 19, 10-12).

Die Reaktion der Jünger ist nicht gerade sehr geistlich. Jesus nutzt die Gelegenheit, um das Thema des Verzichts auf die Ehe aus Liebe zum Himmelreich anzuschneiden, weist aber sogleich darauf hin, daß es sich hierbei um einen Bereich handle, der dem menschlichen Verstand allein nicht zugänglich sei; um ihn voll verstehen zu können, sei eine besondere Gnade Gottes vonnöten.

Es drängt sich die Frage auf: Was ist das für eine Beziehung, die da zwischen dem Verzicht auf die Ehe und dem Reiche Gottes besteht? Der Text des Evangeliums behauptet zwar, daß es diese Beziehung gibt, sagt aber nicht, worauf sie sich gründet. Liest man den Text im Lichte der darauffolgenden Worte Jesu, die von den materiellen und familiären Gütern handeln (Mt 19, 16-29), kann man daraus entnehmen, daß der Verzicht auf die Ehe, ebenso wie der Verzicht auf Besitz, den Jünger in eine Lage versetzt, die den Geist frei macht, den höheren Dingen seine ganze Aufmerksamkeit zu schenken. Wenn das Evangelium dies auch nicht ausdrücklich besagt, so ist doch das Dasein von Männern und Frauen, die diesen Verzicht geleistet haben, bereits im zeitlichen Leben ein sichtbares Zeichen der göttlichen Absolutheit.

Zu dem gerade erwähnten Text paßt ein anderer, in dem Jesus auf eine kasuistische Frage der Juden antwortet, die Menschen würden bei der Auferstehung weder heiraten noch geheiratet werden, sondern „wie die Engel Gottes im Himmel“ sein (Mt 22, 30). Mit diesen Worten bedeutet Jesus, daß der Ehestand zur irdischen Existenz gehört und daher etwas Provisorisches ist, denn während des Lebens im Reiche Gottes wird kein Platz mehr sein für die eheliche Ausübung der Geschlechtlichkeit.

Man kann diesen Text als eine Art Erklärung zu Mt 19, 10-12 verstehen, nämlich in dem Sinn, daß der Verzicht auf die Ehe im irdischen Dasein einer Art Vorwegnahme der Güter des Reiches Gottes gleichkommt.

Es bleiben noch zwei weitere Äußerungen Jesu über die Keuschheit. Allseits bekannt ist der Bericht voller Zartgefühl und Barmherzigkeit von der Sünderin, die Jesus beim Mahl im Hause eines Pharisäers die Füße wusch (Lk 7, 36-50). Es handelte sich um eine stadtbekannte Hure oder doch zumindest um eine Frau, die ein loses Leben führte. Der andere Vorfall hat mit der Ehebrecherin zu tun, die von den Schriftgelehrten und Pharisäern zum Tode verurteilt worden war (Joh 8, 3-11).

Beiden Gegebenheiten ist die Barmherzigkeit Jesu gemeinsam, der „nicht den Tod des Sünders will, sondern daß er sich bekehre und lebe“ (Ez 33, 11).

Im ersten Bericht ist die Aussage Jesu hervorzuheben, daß der Frau „viele Sünden vergeben werden, weil sie viel geliebt hat“ (Lk 7, 47).Man kann diesen Satz so auslegen, daß Jesus damit sagen will, die Unzucht habe eine Wurzel in der Lieblosigkeit, im Egoismus, im Götzendienst, und ihre Heilung könne nur aus der Liebe kommen, die allen Dingen den ihnen zustehenden Platz zuweise und Gott, den einzig Anbetungswürdigen, über alles stelle. Der Abschied macht deutlich, daß die Frau an Jesus „glaubte“, Ihm vertraute, sich in Seiner Barmherzigkeit sicher fühlte, und daß es der Glaube war, der sie dazu bewegte, ihre Liebe zu Jesus dadurch zum Ausdruck zu bringen, daß sie Ihm mit Duftwasser die Füße wusch. Eine vertrauensvolle und demütige Liebe, zugleich verwegen und schweigsam.

Die Geschichte der Ehebrecherin aber legt nahe, daß die Sünden gegen die Keuschheit nicht einzigartig sind, sondern daß es andere gibt, die ihnen vergleichbar sind, und daß die Errettung der schuldigen Frau vom Tode sie nicht davon befreit, Reue zu empfinden und ihren Lebenswandel zu ändern: „Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“ (Joh 8, 11).

Die Barmherzigkeit Jesu bringt eine neue Perspektive zum Ausdruck. Wer gegen die Keuschheit gesündigt hat, kann die Vergebung Gottes ebenso erlangen, wie jemand, der gegen ein anderes Gebot Gottes gesündigt hat. Stets geht es um die Hoffnung auf die Gnade eines „neuen Herzens“, das in die Lage versetzt, Gott und die Menschen wirklich zu lieben. Es ist schon bedeutsam, daß Maria Magdalena am Fuß des Kreuzes stand und ihr schließlich als einer der ersten die Nachricht von der Auferstehung zuteil wurde: Sie „sah“ den auferstandenen Sohn Gottes (Joh 20, 11-17).

bc. Gehen wir jetzt zu den apostolischen Schriften über.

In der Apostelgeschichte gibt es eine eher beiläufige Bemerkung über die Keuschheit. Bei dem so genannten „Konzil von Jerusalem“ wird den vom Heidentum kommenden Christen vorgeschrieben, „sich von Götzenopferfleisch, von Blut, von Ersticktem und von Unzucht zu enthalten“ (Apg 15, 29).

Der heilige Apostel Paulus sieht sich einer heidnischen Welt gegenüber, in der Sünden im sexuellen Bereich, aber natürlich nicht nur in diesem, an der Tagesordnung sind. Im Brief an die Römer geht er auf schändliche Lüste wider die Natur, wie etwa homosexuelles Verhalten, ein und führt diese frevelhaften Handlungen darauf zurück, daß die Erkenntnis Gottes verworfen und das Geschöpf an Stelle des Schöpfers angebetet wird (Röm 1, 24-27). Wiederholt tadelt der Apostel die Sünden gegen den rechten Gebrauch der Geschlechtlichkeit. Im ersten Brief an die Thessalonicher besteht er darauf, daß dies „der Wille Gottes“ ist: „Eure Heiligung; ihr sollt euch von Unzucht enthalten; ein jeder von euch wisse seinen Leib in Heiligung und Ehrbarkeit zu besitzen, nicht in leidenschaftlicher Gier wie die Heiden, die Gott nicht kennen ... Denn Gott hat uns nicht dazu berufen, unrein zu leben, sondern heilig zu sein“ (1 Thess 4, 3-5.7).
 
In der Gemeinde von Korinth war es zu der schweren Sünde der Blutschande gekommen: Der Apostel geißelt sie und führt einen starken Grund für ein reines Leben an: „Es wurde ja unser Osterlamm geschlachtet, Christus. Laßt uns also Festtag halten nicht mit dem alten Sauerteig, nicht mit dem Sauerteig der Bosheit und Schlechtigkeit, sondern mit dem Ungesäuerten der Lauterkeit und Wahrheit“. Und er
fügt hinzu, daß  Christen keinen Umgang pflegen sollen mit einem Menschen, der sich zwar ihr Bruder nennt, dabei aber ein Unzüchtiger, Geizhals, Götzendiener, Lästerer, Säufer oder Räuber ist (1 Kor 5, 1-13).

Im selben ersten Brief an die Korinther weist der heilige Paulus darauf hin, daß „der Leib nicht für die Unzucht da ist, sondern für den Herrn und der Herr für den Leib ... Wißt ihr nicht, daß eure Leiber Glieder Christi sind? Soll ich nun die Glieder Christi nehmen und sie zu Gliedern einer Dirne machen? Das sei ferne! Oder wißt ihr nicht, daß, wer einer Dirne anhängt, eins mit ihr ist im Leibe? ... Wer aber dem Herrn anhängt, ist eins mit ihm im Geiste! Fliehet die Unzucht! Jede Sünde, die ein Mensch begeht, ist außerhalb seines Leibes, wer aber Unzucht treibt, der sündigt gegen seinen eigenen Leib. Oder wißt ihr nicht, daß euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt, den ihr von Gott habt, und daß ihr nicht euch selber gehört? Denn ihr seid erkauft um einen hohen Preis. Verherrlicht daher Gott in eurem Leibe!“ (1 Kor 6, 13-20).

Der heiligen Paulus beschränkt sich in seiner Lehre jedoch nicht darauf, die Sünden gegen die Keuschheit abzulehnen, er entwickelt vielmehr die positiven Gründe für ein keusches Leben. Seine ganze Argumentation fußt im Grunde auf der Lehre, daß der Christ Gott gehört und daß er Wohnstatt und Tempel Gottes ist.

So bezieht sich die Keuschheit zwar auf den rechten Gebrauch der Sexualität, doch ihr tieferer Sinn ist in der Beziehung des Menschen zu Gott zu suchen, den der Mensch mit seinem ganzen Wesen zu verherrlichen hat.

Im Brief an die Galater erwähnt der Apostel die Unzucht, die Unlauterkeit, die Ausschweifung und andere Laster als „Werke des Fleisches“ und weist darauf hin, daß jene, die solches tun, das Reich Gottes nicht erlangen werden (vgl. Gal 5, 19-21). Dieselbe Lehre wiederholt er auch gegenüber den Ephesern: „Unzucht aber und jede Art von Unlauterkeit oder Habsucht werde unter euch nicht einmal genannt, wie es  Heiligen geziemt ... Denn das sollt ihr wissen und euch merken: Kein Unzüchtiger oder Unreiner oder Habsüchtiger – was so viel wie ein Götzendiener ist – hat Anteil am Reich Christi und Gottes“ (Eph 5, 3..5.)

Im Brief an die Kolosser kehrt er zum selben Thema zurück: „So ertötet denn, was an euren Gliedern irdisch ist: Unzucht, Unsittlichkeit, Leidenschaft, böse Begierde und die Habsucht, die Götzendienst ist. Derentwegen kommt das Strafgericht Gottes über die Kinder des Ungehorsams“ (Kol 3, 5f). Der heilige Paulus verurteilt nicht eine zweite Ehe, wenn der erste Partner gestorben ist (1 Kor 7, 39), wenn er jedoch von den Voraussetzungen spricht, die ein Bischof oder Diakon erfüllen sollte, verlangt er, daß sie nur eine Frau haben, das heißt, daß sie nur einmal verheiratet sein dürfen (1 Tim 3, 2.12; Tit 1, 69). Möglicherweise sieht der Apostel in der einmaligen Ehe der Diener der Kirche einen besonderen Hinweis auf das Geheimnis der Liebe Christi zu seiner Kirche (vgl. Eph 5, 21-33).

Das Keuschheitsthema wird vom heiligen Paulus unter verschiedenen Gesichtspunkten im 7. Kapitel des ersten Briefes an die Korinther entwickelt. Es handelt sich nicht um eine „Abhandlung“ im eigentlichen Sinn, vielmehr finden wir hier Antworten auf Fragen vor, die Mitglieder der Gemeinde an den Apostel herangetragen hatten, deren genauen Inhalt wir leider nicht kennen (vgl. V. 1).

Das ganze Kapitel zeigt deutlich, daß der Apostel den sexuellen Bereich in einem engen Zusammenhang mit der ursprünglichen Beziehung eines jeden Menschen zu Gott sieht. Der heilige Paulus räumt ein, daß sowohl der Ehestand als auch der Zölibat oder die Jungfräulichkeit Gaben Gottes sind (1 Kor 7. 7. 17. 28. 38) und daher der Ehestand durchaus legitim und heiligend ist (V. 14). Aus mehreren Gründen erachtet er jedoch den geweihten Stand der Jungfräulichkeit oder des Zölibats als empfehlenswerter. Einmal, weil die Jungfräulichkeit deutlicher als die Ehe das Siegel der Wirklichkeit des Reiches Gottes trägt (V. 29ff), gehört die Ehe doch zur „Gestalt dieser Welt, die vergeht“ (V. 31). Da der Stand der Enthaltung größere Freiheit für die Dinge Gottes schenkt, „möchte ich, daß ihr frei seiet von rastloser Sorge. ... Die unverheiratete Frau und die Jungfrau sorgen sich um die Sache des Herrn, daß sie heilig seien an Leib und Geist“ (V. 34 a).
Die Verheiratete aber bemüht sich notgedrungen und aus Standespflicht darum, ihrem Gatten zu gefallen, das bedeutet Sorge um viele vergängliche Dinge (V. 34 b). Um so schwerer fällt es unter diesen Umständen, die für einen Christen angebrachte Haltung einzunehmen, zu der der Apostel aufruft: „Seid ihr also auferweckt worden mit Christus, so sucht, was droben ist, wo Christus zur Rechten Gottes sitzt. Was droben ist, habt im Sinn, nicht was auf Erden ist!“ (Kol 3,1f).

Diese Haltung der Gottessuche vor allen Dingen erklärt die Empfehlung des Apostels: „Auch jene, die eine Frau haben, sollten so leben, als hätten sie keine“ (1 Kor 7, 29).

Diese Aussage darf man allerdings nicht so verstehen, als sollte man dem Gatten oder der Gattin keine Liebe schenken oder als könnte man ihr oder ihm gegenüber pflichtvergessen handeln, denn eine solche Haltung widerspräche den äußerst genauen Anweisungen des Apostels in demselben Kapitel, wo er darauf besteht, daß beide die gleichen Pflichten gegeneinander haben (V. 3ff). Außerdem würde in diesem Falle der Aspekt der ehelichen Liebe als Ausdruck und Spiegel der Liebe Christi zu seiner Kirche verloren gehen (Eph 5, 21-33).

So ist denn die Lehre des Apostels vor einem eschatologischen Hintergrund zu verstehen, nämlich unter dem Gesichtspunkt des Himmelreiches. In dieser Perspektive ist auch die Andeutung des Apostels zu sehen, daß sich die Ehepartner für eine gewisse Zeit des ehelichen Intimverkehrs enthalten können, um sich um so freier dem Gebet zu widmen (V. 5). Dieser Verzicht muß jedoch auf gegenseitigem Einvernehmen beruhen, denn wenn der eine Gatte den anderen dazu zwänge, würde er ihm ja sein Recht vorenthalten (V. 3).

Der Grund, den der Apostel für diese Enthaltsamkeit angibt, ist die Möglichkeit, sich besser dem Gebet widmen zu können. Dieser Grund muß von der Natur des Gebets her verstanden werden, als inniges Verhältnis zu Gott und als Gegenwärtigsein vor dem Absoluten. Diese Intimität verlangt eine friedliche, gelassene Geisteshaltung, die so ungestört und konzentriert wie möglich sein sollte. Dieser innere Friede wird durch die Enthaltung vom Intimverkehr begünstigt.

Der Ritus des Ehesegens, der vor noch nicht allzu langer Zeit vorgenommen zu werden pflegte, enthielt am Ende die Ermahnung zur geschlechtlichen Enthaltsamkeit während der Fastenzeit und an den Vorabenden großer Kirchenfeste. Es war dies ein treues Echo der Lehre des heiligen Paulus.

Auf jeden Fall weiß auch der Apostel, daß Jungfräulichkeit oder Verzicht auf die Ehe nicht allen zugängliche Lebensweisen sind: „Können sie aber nicht enthaltsam leben, so sollen sie heiraten; denn es ist besser zu heiraten, als zu brennen” (V. 9). Dieser Vers ist im Lichte des vorausgegangenen zu verstehen: „Ein jeder hat seine eigene Gnadengabe von Gott, der eine so, der andere so” (V. 7).

Wenn man den heiligen Paulus auf diese Weise liest, versteht man auch, was er damit sagen will, wenn er bemerkt, daß der Verheiratete „geteilt”, die Jungfräulichkeit aber empfehlenswert sei, weil sie uns zum „rechten Verhalten und ungestörten Verharren beim Herrn“ führe (V. 34f).

„Recht“ soll hier nicht bedeuten, daß die Ehe „unrecht“ sei, sondern daß die Jungfräulichkeit über der Ehe steht und sozusagen zur Welt der endgültigen Dinge, zum Reiche Gottes, gehört, in dem „weder geheiratet noch verheiratet“ wird (Mt 22, 30).

„Geteilt “-sein  bedeutet nicht, daß der Christ seinen Ehepartner auf die gleiche Ebene mit Gott stellen darf, sondern daß der Zustand der Enthaltsamkeit der Freiheit des Geistes und dem Eifer für die Sache Gottes, auch in weltlichen Angelegenheiten, förderlich ist.

Die Lektüre des siebten Kapitels des ersten Briefes an die Korinther zeigt, daß die spirituelle Bewertung der Ehe und der Jungfräulichkeit eine feine Abstimmung der Nuancen verlangt und daß dies nur unter dem Blickwinkel des christlichen Lebens als Ganzem, der jeweiligen Berufung des Einzelnen, der einem jeden verliehenen Gnade und der endgültigen Gegebenheiten des Gottesreiches geschehen kann.

Vor dem Abschluß dieser Durchsicht der Texte des Neuen Testaments, die von der Keuschheit sprechen, soll noch eigens auf zwei eingegangen werden, die von besonderem Interesse sind.

Der heilige Paulus richtet sich mit folgenden Worten an die Korinther: „Ich eifere um euch mit dem Eifer Gottes. Ich habe  euch ja einem einzigen Manne verlobt, um euch als reine Jungfrau Christus zuzuführen“ (2 Kor 11, 2).

Hier haben wir die Erklärung der Beziehung der Kirche, und in ihr eines jeden Christen, mit dem Bräutigam Christus. Der weite Kontext dieser biblischen Stelle nimmt Bezug auf den Glauben an Christus als einzigen Erlöser, der uns durch Seine Gnade, und nicht wegen unserer Werke, von der Knechtschaft der Sünde befreit.

Die Kirche ist die „Braut“, und was sie ihrem Bräutigam schuldet, ist eine treue Liebe zu ihrem Gemahl, eine Liebe, die ihm eine Stelle einräumt, die ihm nichts und keiner mehr streitig machen kann. Die „Keuschheit“ und die „Jungfräulichkeit“ der Kirche sind Ausdruck ihrer Liebe und Treue. In dieser Perspektive erscheint die Keuschheit der Christen als Ausdruck der Liebe zu Christus.

Es ist von größter Bedeutung, daß der Apostel die Keuschheit zum bevorzugten Ausdruck der christlichen Liebe zu Gott erwählt. Diese Option des Apostels, die auch im Brief an die Epheser zum Ausdruck gebracht wird, erklärt in Verbindung mit einer Reihe von weiteren Texten der Heiligen Schrift die „bräutliche“ Tonart der christlichen Spiritualität, der als Kennzeichen die Zärtlichkeit der Liebe und die Zuvorkommenheit der Treue eigen sind.

In der Geheimen Offenbarung ist von einer Gruppe von hundertvierundvierzigtau- send  Menschen die Rede, die „von der Erde losgekauft sind, ... denn sie sind jungfräulich. Sie folgen dem Lamme, wohin es geht. Sie wurden losgekauft aus den Menschen als Erstlinge für Gott und das Lamm. In ihrem Mund wurde keine Lüge gefunden; makellos sind sie“ (Apk/Offb 14, 3-5).

Wie das ganze Buch hat auch dieser Text einen starken symbolischen Charakter. Die Jungfräulichkeit ist hier das Symbol der Treue zu Gott und der Absage an die Götzen dieser Welt. Die Unzucht ist ein Sinnbild des Götzendienstes. Wenn man den Text auf diese Weise versteht, wird auch klar, daß die „Jungfräulichen“, das heißt die wahren Verehrer Gottes und Eiferer für Seinen Ruhm, diejenigen sind, die „dem Lamme folgen können“, wohin es auch gehen mag, und „auf der Stirn den Namen des Lammes und seines Vaters tragen“ (V. 1).

Hier taucht erneut die Beziehung zwischen dem Wortfeld der Keuschheit in Form der Jungfräulichkeit und der Treue zu Gott und zu Christus auf. Der Mensch, der Gott wirklich aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele und mit allen seinen Kräften liebt, ist in die Kategorie geistiger Jungfräulichkeit aufgenommen, von wo aus er in Christus den Gatten sieht, der die Kirche heiligt, um sie von allen Makeln zu befreien und sie zu befähigen, Ihn mit reinem, freiem, nicht geteiltem, in wahrstem Sinne des Wortes keuschem Herzen zu lieben.

Diese Lektüre und Reflexion über die Texte des Neuen Testaments
geht bestimmt weit über die des Alten Bundes hinaus. Jede Form von Keuschheit steht im Neuen Testament im gleißenden Licht, das vom Gedanken der Jungfräulichkeit und der Hoffnung auf das Himmelreich ausgeht. Damit zeigt sich wieder einmal, daß die „sinnlich nicht wahrnehmbaren Dinge die Grundlage des Sichtbaren“ sind (Hebr 11, 3) und daß das ewige Leben der Maßstab des irdischen Daseins ist.

 
6. Voraussetzungen zum vollen Verständnis der Keuschheit flecha

Es ist nicht leicht, die tiefe Bedeutung der Keuschheit zu verstehen, vor allem, wenn man bedenkt, daß wir in einer Welt leben, in der diese Tugend kaum mehr Erwähnung findet und ihr wenig Achtung entgegengebracht wird. Um gewisse Dinge wahrzunehmen, müssen zuerst einmal günstige Voraussetzungen dafür geschaffen werden. Es erweist sich dies um so notwendiger, je delikater der Gegenstand ist. Um das delikate Umfeld und das Wesen der Keuschheit wahrnehmen zu können, bedarf es einiger Grundvoraussetzungen:

a. Man muß an Gott als den einzigen Herrn glauben und zutiefst davon überzeugt sein, daß alles auf Ihn zu beziehen ist, so daß alles, was keinen Bezug auf Gott hat, völlig wertlos ist.

Wir haben in einer Reihe von Texten der Heiligen Schrift gesehen, daß der Keuschheit eine tiefe religiöse Dimension zukommt und daß sie nur von Gott her  in ihrem ganzen Ausmaß zu verstehen ist. Dem, der nicht an Gott glaubt, ist es zwar möglich, etwas von der Bedeutung der Keuschheit zu erahnen, doch wird er nie ihren tieferen Sinn und ihre Tragweite erfassen können.

b. Man muß an das ewige Leben glauben und fest davon überzeugt sein, daß unser irdisches Dasein lediglich eine Etappe ist, und zwar die erste – provisorische und vorübergehende – unseres persönlichen Seins, und daß danach eine zweite, endgültige und nie zu Ende gehende folgt, in der wir die Fülle unseres Seins und unseres Schicksals erreichen werden.

c. Man muß glauben, daß unser irdisches Leben seinen vollen Sinn erst vom ewigen Leben her erhält. Es handelt sich dabei keineswegs um zwei nebeneinander stehende, voneinander unabhängige Wirklichkeiten, vielmehr ist das erstere Weg, Werkzeug und Vorbereitung für das ewige Leben, ein Mittel zum Ziel.

d. Man muß mit reinem Herzen leben und denken, denn wer nicht in Übereinstimmung mit seinem Denken lebt, denkt schließlich im Einvernehmen mit seinem Leben. Wer nicht keusch lebt, wird wohl kaum Achtung gegenüber der Keuschheit haben können. Wer sich der Bosheit und der Unzucht hingibt, wird nicht fähig sein zu verstehen, was Keuschheit ist.

e. Man muß glauben, daß die Geschlechtlichkeit ein Werk Gottes ist, sie nicht nur einen biologischen, sondern auch einen geistigen Zweck hat, und daß ihre Ausübung von diesem Zweck geprägt sein muß und nie von diesem gelöst werden darf.

f. Man muß stets vor Augen haben, daß die menschliche Natur, wenngleich ein Werk Gottes, von der Erbsünde beschädigt ist. Das bedeutet, daß ein ungeordnetes Verlangen Triebe hervorbringt, die sich verselbstständigen und Handlungen ausführen wollen, die nicht mit dem Zweck dieser Natur im Einklang stehen.

Wenn der Mensch im Bewusstsein seiner “schadhaften” Natur lebt, ist er in der Lage zu verstehen, daß seine Verhaltensregel nicht darin bestehen darf, sich von seinen Trieben leiten zu lassen, so, als ob diese stets gutartig wären, vielmehr muss er stets wachsam sein und sich darin üben, sein Verlangen unter die Herrschaft der durch den Glauben erleuchteten Vernunft zu stellen.

g. Der Christ weiß, daß in alles menschliche Handeln die Gnade Gottes eingreift, diese geheimnisvolle und dennoch keineswegs weniger wirkliche Kraft, die ihn dazu treibt, dem Willen Gottes entsprechend zu handeln und so die durch Erbsünde und die eigene Sünden verursachte Unordnung zu beseitigen, damit der Mensch zur liebevollen Vertraulichkeit mit Gott zurückfindet und im Geschöpf wieder Bild und Gleichnis des Schöpfers sichtbar werden.

Die Gnade Gottes übt ihre Kraft sowohl auf unseren Verstand als auch auf unseren Willen aus, damit wir zum einen nach der Weisheit Gottes urteilen können, zum anderen dem unordentlichen Verlangen widerstehen und nur das wollen, was Gott will.

Die sieben vorstehend aufgezählten „Voraussetzungen“ sind nicht wie die Glieder einer Kette von dem jeweils vorausgehenden abhängig zu sehen, eben sowenig kann das vorausgehende Glied das nachfolgende missen, denn alle sind nichts als Seiten einer einzigen Wirklichkeit, Aspekte, die sich gegenseitig bedingen, so daß auch nicht eine einzige entbehrt werden kann, ohne das Gleichgewicht und die Harmonie des Ganzen zu gefährden.

Diese Betrachtungen zeigen, daß die Keuschheit nur im Zusammenhang mit dem christlichen Leben richtig verstanden werden kann. Sie ist eine Tugend unter anderen: Sie ist nicht die einzige und sie muß unverständlich bleiben, wenn man neben ihr die anderen vergißt. Der „geistige Organismus“ ist ein feines Gewebe mit unterschiedlichen Funktionen, von denen eine jede die übrigen anregt und von ihnen abhängt. So, wie es illusorisch wäre zu glauben, daß man Christ sein kann, ohne die Keuschheit zu schätzen und zu üben, so wäre es auch illusorisch zu denken, daß sich ein Jünger Christi damit begnügen könne, keusch zu sein und dabei die anderen Tugenden auszulassen. In unseren Tagen scheint es jedoch häufiger so zu sein, daß man glaubt, ein guter Christ sein zu können, ohne zu lieben und ohne ein keusches Leben zu führen.

 
7. Die Begierde flecha

Das Wort „Begierde“ gehört zur Sprache der Bibel. Der heilige Paulus bekennt, daß die Sünde „jegliche Begierde“ (Röm 7, 8) in ihm geweckt habe. „Ich freue mich zwar dem inneren Menschen nach am Gesetz Gottes, aber ich sehe ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das dem Gesetz meiner Vernunft widerstreitet und mich gefangen hält unter dem Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist“ (Röm 7, 22f). Daher ist es nur zu verständlich, daß der Apostel den Christen empfiehlt: „Nicht herrsche also die Sünde in eurem sterblichen Leib, daß ihr seinen Begierden hörig seid“ (Röm 6, 12).

Der heilige Petrus ermahnt uns, „den verderblichen Begierden in der Welt“  (2 Petr 1, 4) zu entrinnen, und macht auf die Strafe am Tag des Gerichts vor allem für jene aufmerksam, „die in unreiner Begierde dem Fleische nachstreben (2 Petr 2, 10).

Der heilige Jakobus lehrt, daß  „ein jeder versucht wird, indem er von seiner eigenen Begierde gereizt und gelockt wird. Hat aber die Begierde einmal empfangen, gebiert sie die Sünde, die Sünde aber gebiert, wenn sie vollbracht ist, den Tod“ (Jak 1, 14f).

Der Apostel Johannes schreibt im Zusammenhang mit der negativen Bedeutung, die er dem Wort „Welt“ zu geben pflegt, daß „alles in der Welt, die Begierde, die Augenlust und die Hoffart des Lebens, nicht aus dem Vater, sondern aus der Welt ist. Die Welt vergeht mitsamt ihrer Begierde; wer aber den Willen Gottes tut, der bleibt in Ewigkeit“ (1 Joh 2, 16f). In diesem Kontext bedeutet „Welt“ alles, was sich unter der Herrschaft des Teufels und seiner Heimtücke befindet, und von ihr sagt der heilige Johannes: „Wir wissen, daß wir aus Gott sind, die ganze Welt aber liegt im Bösen ... Und wir sind im Wahrhaftigen, in Seinem Sohn Jesus Christus“ (1 Joh 5, 19f).

All diese Texte ergänzen die Ermahnung Christi im Gleichnis vom Sämann, in dem der Herr darauf hinweist, daß das Wort bei einigen keine Frucht trägt, weil „die Sorgen der Welt, der trügerische Reichtum und alle anderen Begierden sich einstellen und das Wort ersticken“ (Mk 4, 19).

Daher stellt der Brief an die Galater das christliche Leben als einen harten Kampf zwischen dem Geist und dem Fleisch dar und er weist darauf hin, daß angesichts des unversöhnlichen Widerstreits zwischen dem Verlangen des Geistes und dem des Fleisches diejenigen, die wirklich Christus angehören, „das Fleisch samt den Leidenschaften und Begierden“ gekreuzigt haben (Gal 5, 16-24).

Dieser Kampf und diese Anstrengung gegen die Begierden verlangen Ausdauer und Weigerung: „Jeder der im Wettkampf steht, enthält sich von allem. Jene tun es, um einen vergänglichen Kranz zu erlangen, wir aber um eines unvergänglichen willen ... Ich züchtige meinen Leib und mache ihn gefügig, damit ich nicht etwa, indes ich anderen predige, selbst die Probe nicht bestehe“ (1 Kor 9, 25. 27). Das Wort Jesu  „wenn einer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ (Lk 9, 23), schließt zweifellos den Kampf gegen die innere Unordnung oder die Begierde mit ein. So wird es wohl auch der heilige Paulus verstanden haben, wenn er davon sprach, „das Fleisch mit seinen Leidenschaften und Begierden zu kreuzigen“.

Die Lehre der Heiligen Schrift über die Begierde besagt, daß es sich bei der Begierde um eine Unordnung handelt, deren Ursprung in der Sünde zu suchen ist, daß sie dem Geist widerspricht, daß sie an sich zwar keine Sünde ist, daß sie aber zu dieser führt, und daß deshalb ein harter und beständiger Kampf gegen sie zu führen ist.

Aus der Lektüre der Heiligen Schrift über die Begierde ist zu entnehmen, daß diese sich zwar im Geschlechtstrieb äußert, jedoch nicht nur hier, wenngleich von ihr häufig in diesem Bereich die Rede ist (vgl. Joh 2, 16). Es gibt auch den unordentlichen Trieb, materielle Güter zu besitzen oder Macht und Ehre zu suchen. In allen Fällen handelt es sich stets um geschaffene Dinge, die auf eine unordentliche Weise angestrebt werden. Das geht so weit, daß schon das Begehren nicht mehr in einem rechten Verhältnis zu der Rolle steht, die Gott einem bestimmten Gegenstand  in Übereinstimmung mit der Würde und der Heiligkeit des Menschen zugedacht hat.

Man kann behaupten, daß die unordentlich angestrebten Güter zu Götzen werden, denen es um die Stelle geht, die allein Gott zusteht. So wie die Wahrheit dem Menschen seine rechte Beziehung zu Gott zuweist, so sind die Götzen ihrem Wesen nach falsch, weil sie einem Irrtum entspringen und die Beziehung zu Gott verfälschen.

Es ist noch eine weitere Untersuchung über die Begierde angebracht.Es handelt sich vor allem um einen Trieb, um eine Neigung des Menschen zu einem Gegenstand, der sich ihm als ein Gut darstellt, das seinen Wunsch erfüllen kann. Dieser Trieb entsteht noch bevor der Verstand in der Lage ist, die Angebrachtheit oder die Unrichtigkeit des Wunsches zu beurteilen, und er kann sich als mehr oder weniger heftig erweisen. In diesem Sinne wird die Begierde als „vorausgehende“ bezeichnet wird.

Wenn der Verstand zu dem Urteil kommt, daß der Antrieb grundsätzlich rechtmäßig ist und der Wille daher dem angestrebten Gegenstand anhängen kann, macht sich der Drang des Antriebs weiter bemerkbar und begleitet dabei die Bewegung des Willens. Er erhält also einen „gleichzeitigen“ Charakter.

Wenn aber der Verstand zu dem Urteil kommt, daß der angestrebte Gegenstand unrichtig ist und er daher dem Willen anordnet, ihn abweisen, und dieser es auch tut, so verschwindet gleichwohl  der Antrieb nicht automatisch, sondern er neigt sich weiter dem angestrebten Gegenstand zu, obwohl er sich damit dem Urteil des Verstandes und der Ablehnung des Willens widersetzt.

Der Mensch muss nun mit verschiedenen Strategien gegen diesen weder erwünschten noch gebilligten Trieb ankämpfen, kann ihn jedoch kraft seiner Abweisung allein nicht aus der Welt schaffen. In diesem Fall sprechen wir von der „nachfolgenden“ Begierde.

Jeder Christ muß sich der Kraft der Begierde bewußt sein, gegen die er bis zu seinem Tode wird ankämpfen müssen. Es ist ein Irrtum zu glauben, daß die Begierde nachläßt, wenn man ihr jeden Wunsch erfüllt hat: die Haltung des Christen verlangt ihr gegenüber Askese, Kampf, „Selbstbeherrschung“ (Gal 5, 23).

Die Begierde erwacht angesichts dessen, was zum Ziel ihres Triebs werden kann. Nicht immer hängt es von uns ab, die Gegenwart von Anreizen für unsere Begierden zu vermeiden. Es ist jedoch eine moralische Pflicht, diejenigen Anreize  zu meiden, die  wir meiden können. Die christliche Spiritualität spricht von der „Wachsamkeit über die Sinne“ und empfiehlt, alle Gegenstände zu übersehen oder nicht zu beachten, die ein mehr oder weniger heftiges - der christlichen Tugend entgegengesetztes-  Begehren hervorrufen können, denen man eventuell nachgeben könnte oder die doch zumindest die Reinheit des Herzens beeinträchtigen könnten.

 
8. Die Keuschheit ist eine Tugend flecha

Wir wollen nun etwas länger bei dieser christlichen Haltung, die wir Keuschheit nennen, verweilen und ihre Natur näher betrachten.

Die Keuschheit ist eine Tugend. Was heißt das? Eine Tugend ist die ständige Bereitschaft, das Gute zu tun, eine „Gewohnheit“, die den vervollkommnet, der sie besitzt, und ihm eine gewisse Wesensgleichheit mit dem zu verwirklichenden Guten auf dem ihm eigenen Gebiet verleiht. Wenn auch die einer Tugend entsprechenden Taten an sich verdienstvoll sind, so ist es doch möglich, daß es gelegentlich gute Taten ohne eigentliche „Tugend“ gibt, da diese ja die feste, beständige Entschlossenheit voraussetzt, stets das Gute zu tun.

Die Tugenden werden unter dem Einfluß der göttlichen Gnade erworben, und zwar in dem Maße, in dem die einer jeden Tugend eigenen Handlungen wiederholt werden: Es ist die Wiederholung, die die Tugend „Wurzeln schlagen“ läßt. Um sie zu erwerben, ist es neben der Wiederholung der Tugendhandlungen wichtig, daß eine starke Motivation vorhanden ist, die zu den Handlungen führt. Mit anderen Worten: Für den tatsächlichen Erwerb einer Tugend sind auf Seiten dessen, der die Tugend anstrebt, entsprechendes Interesse und Überzeugung sehr wichtige Faktoren . Wer der Tugend andererseits wenig Aufmerksamkeit und Bedeutung zumißt, wird sie auch durch die reine Wiederholung von mehr oder weniger mechanischen Handlungen nie erreichen.

Die Tugend der Keuschheit ist Ausdruck der Tugend der Enthaltsamkeit. Andere Ausdrucksformen der Enthaltsamkeit sind Genügsamkeit im Essen und Trinken, Mäßigung im Ausruhen, Großzügigkeit gegenüber allen, die Hilfe brauchen, Nüchternheit im Umgang mit materiellen Gütern, Abtötung des unmäßigen Wunsches nach Neuigkeiten oder der Neugier, Schlichtheit in der dem jeweils eigenen Stand entsprechenden Lebensführung usw.

Die Ausübung der Keuschheit nährt sich vor allem vom Blick auf Gott, vom wiederholten Ausdruck der Liebe zu Ihm und von der Suche nach Ihm und Seinem Ruhm, der über alles Geschaffene hinausgeht. Nichts ist so reinigend und nichts kann so sehr zur richtigen Einschätzung und zum rechten Gebrauch der Dinge dieser Welt führen wie die Liebe zu Gott, dem Urheber alles Geschaffenen. Die Keuschheit ist gewissermaßen Voraussetzung und Ausdruck der wahren Gottesliebe.

Jede Tugend ist vor allem etwas Innerliches, das heißt eher eine Haltung des Herzens als ein Verhalten nach außen hin. Andererseits ist auch nicht zu bezweifeln, daß es keine wahre, aufrichtige innere Haltung geben kann, ohne daß sie nach außen zum Ausdruck kommt.

So äußert sich die Keuschheit auf sichtbare Weise in verschiedenen sichtbaren Handlungen, die auf das Zartgefühl, die rechte Absicht, den Respekt und die Ehrerbietung gegenüber Gott in Seinen Geschöpfen schließen lassen, vor allem, wenn sich der sinnliche Antrieb für die wahre Liebe einsetzen läßt.

Der positive Aspekt der Absicherung einer Tugend ist nicht von einer anderen Seite zu trennen, die wir als die „negative“ bezeichnen könnten und die in der Zurückweisung all dessen besteht, was der Tugend entgegengesetzt ist und sie bedroht. Diese Zurückweisung ist unzweifelhaft eine „Kasteiung“, sie verlangt Opfer und Überwindung, Verzicht auf etwas Angenehmes. Wer sich in der Keuschheit übt, muß unbedingt all das von sich weisen, was nicht mit ihr vereinbar ist und sie irgendwie gefährdet. Die Selbstbeherrschung verlangt Äußerungen, in denen die Herrschaft des Geistes über das Fleisch und die endgültige Überlegenheit der Liebe zu Gott über jede andere Art von Zuneigung oder Gefallen zum Ausdruck kommt.

Der Sieg über sich selbst im Bereich der Keuschheit ist nur einer der Aspekte der Selbstverleugnung und des Kreuztragens, wie sie von jedem Christen verlangt werden. Wer lebt wie die „Feinde des Kreuzes Christi, deren Ende Verderben und deren Gott der Bauch ist, die ihren Ruhm in ihrer Schande sehen und ihr Sinnen und Trachten nur auf das Irdische richten“ (Phil 3, 18f),wer so lebt, der ist kein wahrer Jünger des Herrn, denn er nimmt ja sein Kreuz nicht auf sich und folgt Christus nicht nach (Lk 14, 27).

Die Kasteiung ist ein Ausdruck des Bewusstseins von unserem Zustand als Pilger: „Unsere Heimat aber ist im Himmel. Von dorther erwarten wir auch Jesus Christus, den Herrn, als Retter, der unseren armseligen Leib verwandeln wird in die Gestalt   Seines verherrlichten Leibes, in der Kraft, mit der Er sich alles unterwerfen kann “ (Phil 3, 20f).

Auf Erden ist das Kreuz, das Herrschaftszeichen Christi, das Werkzeug, durch das unser ganzes Sein der Macht des Geistes unterworfen wird und so in dem Maße die wahre Freiheit erreicht, in dem es sich von der Knechtschaft der Sünde lossagt (Joh 8, 34).

Der Sieg über uns selbst, der es der Keuschheit erlaubt, tiefe Wurzeln in uns zu schlagen, wird auf verschiedene Weisen geübt. Selbstverständlich gilt es, den Blick zu schulen, und damit unsere Augen und unsere Neugier von allem fern zu halten, was zu fleischlicher Begierde anreizt.

Aber ebenso sind Lektüren und Schauspiele zu meiden, die der christlichen Keuschheit entgegengesetzte Botschaften vermitteln. Natürlich sind auch Worte und Gespräche zu vermeiden, denen der Sinn für das Reine abgeht.

Der Mäßigung beim Trinken kommt im Hinblick auf die Keuschheit eine ganz besondere Bedeutung zu, denn der Mensch, der unter Alkoholeinfluss steht, verliert, zumindest teilweise, die Selbstkontrolle, gerade auch über den Geschlechtstrieb.

Ein heikles Feld ist die Selbstkontrolle beim Austausch von Liebkosungen. Wir wissen sehr wohl, daß diese durchaus angebracht und rein sein können, doch gibt es auch andere, die einen gar mächtigen Anreiz zur Unreinheit bilden. An sich ist eine Liebkosung ein Ausdruck von Zärtlichkeit und Zuneigung, sie kann aber auch unordentliche Reaktionen auslösen, die, wenn sie auch nicht unmittelbar beabsichtigt sind, zu unrechtem Begehren führen können, was wiederum eine Form von Versuchung ist.

Wer sich in „Bekanntschaft“ oder „Brautzeit“ auf die Ehe vorbereitet, sollte sehr vorsichtig sein, daß der natürliche Wunsch, seine Zuneigung in Form von Liebkosungen auszudrücken, nicht die Grenzen der Reinheit überschreitet und zu einer Gelegenheit sündhaften Verlangens oder Handelns wird.

Ohne Zweifel hat auch während der Zeit der Vorbereitung auf die Ehe das Kreuz Christi in Form von Überwindung gegenwärtig zu sein, damit die Liebesbeziehung sich innerhalb eines Rahmens bewegt, der Menschen zukommt, die noch nicht Mann und Frau sind, und daher ihre Liebe nicht in der Form zum Ausdruck bringen dürfen, die denen vorbehalten ist, die ihr Leben für immer durch das Sakrament der Ehe verbunden haben und zu „einem einzigen Fleisch“ geworden sind (Mt 19, 16).

Weder menschlich noch christlich gesehen sind Verliebte oder Verlobte den Verheirateten gleichzusetzen; weder sind ihre Pflichten  noch Verantwortlichkeiten im gleichen Grade bindend und dementsprechend auch ihre Rechte nicht die gleichen.

Von denen, die entschlossen sind zu heiraten, verlangt die christliche Keuschheit nicht nur, daß sie sich des eigentlichen Geschlechtsverkehrs enthalten, sondern daß sie jede Art intimerer Liebkosung unterlassen, die naturgemäß die Kräfte der Begierde auf den Plan ruft und gar leicht zur Sünde führen kann, selbst wenn diese sich nur als Wunsch realisiert.

Die Sorge um die Tugend der Keuschheit verlangt, alles zu vermeiden, was Gelegenheit zur Sünde werden kann. Als solche Gelegenheiten sind etwa gewisse Orte oder Umgebungen, bestimmte Personen, einige Freundschaften anzusehen.

Doch wenn es um Sicherung und Wachstum der Keuschheit geht, ist es nicht gerecht, nur an sich selbst zu denken, vielmehr müssen wir auch an den Schaden denken, den unsere Haltungen bei anderen anrichten können. Auch wenn etwas für mich ungefährlich sein sollte, muß ich mich dennoch fragen, ob das für andere ebenso gilt.

Das bewußte Auslösen fremder Leidenschaften ist eine Sünde, die dem Urheber zuzuschreiben ist. Im moralischen Sinn des Wortes bedeutet Ärgernis eine Handlung, die für andere auf dem Weg zu Gott zum Anstoß wird. Die Worte Jesu sind in diesem Zusammenhang von äußerster Strenge: „Wer aber einem von diesen Kleinen, die an mich glauben, Ärgernis gibt, für den wäre es besser, wenn ein Mühlstein um seinen Hals gehängt und er in die Tiefe des Meeres versenkt würde. Wehe der Welt um der Ärgernisse willen! Denn es müssen zwar Ärgernisse kommen, aber wehe dem Menschen, durch den das Ärgernis kommt!“ (Mt 18, 6f).

Daß die Erregung von Ärgernissen gegenüber Kindern als so schwer wiegend angesehen wird, bedeutet nicht, daß dem Ärgernis gegenüber Jugendlichen oder Erwachsenen weniger Wichtigkeit zukommt. Wer Anstoß erregt und damit verhindert, daß andere auf dem Wege zu Gott vorankommen, bringt damit zum Ausdruck, daß er neben der eigenen Person nicht an die sittliche Verantwortung gegenüber den Brüdern denkt. Ein Christ darf nie die Worte Kains wiederholen: „Bin ich denn der Hüter meines Bruders?“ (Gen 4, 9). Jeder ist für das Böse verantwortlich, das er mit Worten, Ratschlägen, Werken oder Unterlassungen seinen Brüdern antut.

Bleibt noch ein Wort zur Schamhaftigkeit zu sagen. Die Schamhaftigkeit ist Gewähr und Schutz der Keuschheit. Sie bewahrt die Intimität des Menschen und lehnt es ab, das zur Schau zu stellen, was verhüllt bleiben sollte. Sie beurteilt Blicke und Gesten unter dem Gesichtspunkt der Würde des Menschen. Sie lädt zur Geduld und zur Mäßigung in den ehelichen Liebesbeziehungen ein. Schamhaftigkeit ist Bescheidenheit und hat auf die Wahl der Kleidung einzuwirken. Sie hüllt sich in Schweigen oder Zurückhaltung, wenn sie die Gefahr einer krankhaften Neugier vermutet. Neben der Schamhaftigkeit der Gefühle macht sich auch eine körperliche Scham bemerkbar, die etwa die Zurschaustellung des menschlichen Körpers in der Werbung oder die Anstiftung einiger Medien zur Enthüllung vertraulicher Mitteilungen ablehnt. Die Schamhaftigkeit regt zu einer Lebensweise an, die es erlaubt, den Vorschriften der Mode und dem Druck der vorherrschenden Ideologien zu widerstehen.

Es ist ein großer Irrtum zu glauben, daß Schamhaftigkeit eine Art Frömmelei oder der Ausdruck eines psychologischen Tabus sei. In Wirklichkeit handelt es sich um jenen Takt, den ein Bereich des menschlichen Lebens für sich in Anspruch nehmen darf, der für die durch die Sünde im Menschen ausgelöste innere Unordnung besonders anfällig ist.

 
9. Formen der Keuschheit flecha

Wir haben bereits gesagt, worin die Keuschheit besteht; wir wollen uns nun einige ihrer Ausdrucksformen genauer ansehen. Sie alle haben zwar etwas gemeinsam, doch gibt es auch Unterschiede.

Die jugendliche Keuschheit schließt oft die Aussicht auf die Ehe mit ein. Zu ihren Kennzeichen gehört die Vorbereitung auf die Verantwortung des Ehestandes durch das Üben von Überwindung und Reinigung des Herzens, um auf diese Weise aus Liebe zu Gott unter einem spirituellen Gesichtspunkt und mit dem Blick auf das ewige Leben bis zur wahren Liebe vorzustoßen.

Ist die Jugendzeit vorüber und liegt eine mögliche Ehe schon nicht mehr im Bereich des Voraussehbaren oder Wünschenswerten, nimmt die Keuschheit eine dem Ledigsein entsprechende Ausdrucksform an. In diesem Familienstand fühlt sich der Mensch besonders intensiv  auf den religiösen Sinn des Lebens aufmerksam gemacht und integriert das Alleinsein in seinen auf das Reich Gottes ausgerichteten Lebensstil.

Die Keuschheit derer, die dazu berufen sind, sich Gott in Jungfräulichkeit oder im Zölibat zu weihen, schließt den Verzicht auf die Ehe mit ein, aber nicht, weil diese gering geschätzt wird, sondern um besser dem Ruf Gottes entsprechen zu können, der dazu einlädt, schon hier auf dieser Welt jene Lebensform vorwegzunehmen, die einst für das Himmelreich bezeichnend sein wird.

Die Keuschheit in der Ehe schließt zwar den Genuß körperlicher Intimität zwischen den Ehepartnern nicht  aus, erfordert jedoch einen Läuterungsprozeß, der nach und nach zur Überwindung egoistischer Regungen führt und deutlich macht, daß die Ehe ein vorübergehender Zustand ist, während die Liebe niemals aufhört (1 Kor 13, 8).   Die Ehe ist so zu führen, daß sie der Fortpflanzung offen steht.

Die Keuschheit des Witwentums ist Gegenstand der Lehre des heiligen Paulus (vgl. 1 Tim 5, 3-16; 1 Kor 7, 39f). Der Apostel sagt zwar, daß Verwitwete durchaus wieder heiraten dürfen, doch kann das Witwentum auch als eine gute Gelegenheit verstanden werden, sich mit noch größerem  Eifer dem Dienste des Herrn zu widmen.

Mit besonderen Anforderungen an die Keuschheit haben wir es bei denjenigen zu tun, die einmal verheiratet waren und nun getrennt leben. Diese Menschen sehen sich gezwungen, sich auf christliche Weise mit ihrem Alleinsein abzufinden und auf eine neue Verbindung zu verzichten, da diese objektiv gesehen einem ehebrecherischen Leben gleichkäme. Die nach dem Gesetz Gottes vorgeschriebene Unauflöslichkeit der Ehe verlangt von ihnen, daß sie enthaltsam leben.

Jeder, der sich in dieser Lage befindet, kann sicher sein, daß es ihm mit Hilfe der natürlichen und übernatürlichen Mittel, die Gott zur Verfügung stellt, möglich ist, ein Leben zu führen, das Gott nicht beleidigt. Auch für diese Menschen gilt das Wort der Heiligen Schrift: „Gott ist treu; Er wird es nicht zulassen, daß ihr über eure Kraft hinaus versucht werdet. Er wird euch in der Versuchung einen Ausweg schaffen, daß ihr sie bestehen könnt “ (1 Kor 10,13).

Um in der jeweiligen Form, in der sich die Tugend der Keuschheit  in den verschiedenen Ständen  und Lebenslagen ausdrückt, “keusch“ leben zu können, ist es notwendig, zu beten, den Glauben lebendig zu erhalten, häufig die Sakramente der Buße und der Eucharistie zu empfangen, immer wieder die Jungfrau Maria um ihre Hilfe anzurufen, durch freiwillige Überwindungen die Selbstbeherrschung zu üben, in steter Wachsamkeit zu leben, um sich nicht vom Geist der Permissivität anstecken zu lassen, der uns heute umgibt.

Es ist notwendig, gegen den Teufel anzukämpfen, der stets auf Täuschung aus ist und uns zu überzeugen versucht, daß es „nicht so schlimm ist“ unrein zu sein, daß es vielmehr „natürlich“ ist, daß es „unmöglich“ ist, die Reinheit zu wahren, daß „Liebe“ unmöglich eine Sünde sein kann, daß die geschlechtliche Enthaltsamkeit „der Gesundheit schadet“ und gegen die Natur verstößt, daß Gott sich nicht mit „Kleinigkeiten“ abgibt, daß die „Nächstenliebe das einzig Wichtige“ ist, daß so viele gute, angesehene Menschen nicht in Keuschheit leben usw..

Leider sind es nicht wenige Christen, deren moralisches Urteil in Sachen Keuschheit verwirrt ist, eben weil sie sich auf die genannten Trugschlüsse einlassen, die in gewissen Kreisen als unbestreitbare Wahrheiten angesehen werden.

 
10. Sünden gegen die Keuschheit flecha

Die Sünden gegen die Keuschheit sind, wie jede Sünde, gleichzeitig eine Beleidigung des Schöpfers, der Würde des nach dem Ebenbild Gottes geschaffenen Menschen und der geistigen Lebenskraft der Kirche, der die Vergehen ihrer Glieder Schaden zufügen. Das Gesetz Gottes ist keine willkürliche, einschränkende Aufnötigung, sondern eine Vorsichtsmaßnahme zum Wohl des Menschen und seines Schicksals.

Wie gegen andere Tugenden kann man auch gegen die Keuschheit mit Gedanken, Worten, Werken oder Unterlassung sündigen. Man könnte hinzufügen, daß es in diesem, wie in anderen Bereichen, zu Beihilfe und Anstiftung zur Sünde kommen kann, wenn einer dem andern durch seine Mitwirkung hilft zu sündigen, oder wenn er ihn durch Provokation, schlechten Rat oder schlechtes Beispiel zur Sünde anstiftet.

Es ist keine angenehme Aufgabe, eine Liste der verschiedenen Arten von Sünden gegen die Keuschheit aufzustellen, denn es handelt sich um eine Aufzählung großer Schwächen und Fehler, die das Antlitz Christi in seinen Anhängern entstellen. Auch für den Arzt ist es nicht angenehm, das Zerstörungswerk beobachten zu müssen, das die Krankheiten manchmal mit ekelhaften Begleiterscheinungen im menschlichen Körper verrichten. Und dennoch ist das Wissen um die Krankheiten in ihren konkreten Ausdrucksformen eine Voraussetzung dafür, um die richtige Behandlung anzuwenden und den Kranken zu heilen. So sollte auch der Christ wissen, auf welche Art und Weise am meisten gegen die Keuschheit gesündigt wird, damit er sich selbst vorsehen und auch den Brüdern zu Hilfe kommen kann, die vielleicht Gefahr laufen, das göttliche Leben in sich zu zerstören und das Bild Gottes zu ruinieren, indem sie der Unreinheit Raum gewähren.

Manchmal kann eine Sünde gegen die Keuschheit gleichzeitig ein Verstoß gegen eine andere Tugend sein, wie etwa u. a. im Fall des Ehebruchs, der die Keuschheit und die Gerechtigkeit verletzt, oder der Blutschande, die auch die familiäre Ehrfurcht verletzt, oder im Falle der Verstöße gegen die Keuschheit, die mit geweihten Menschen oder an heiligem Ort begangen werden, und somit auch Sünden gegen die Religion sind, oder schließlich im Fall der Sünde des Kindesmißbrauchs, die auch als Ärgernis geahndet werden muß.

Gemeinhin bezeichnet man die Sünden gegen die Keuschheit als Unzucht, das heißt als unordentlichen Wunsch oder Handlung zur Befriedigung sexueller Lust ohne Berücksichtigung des eigentlichen Zwecks der Geschlechtlichkeit, der im Bund zweier Menschen und in der Fortpflanzung im Rahmen einer legitimen Ehe besteht.

Wenn dem Wunsch nach sexueller Lust innerhalb der Ehe  mit der Mäßigkeit und dem Feingefühl nachgegangen wird, wie sie Menschen zukommen, die den eigenen Körper und den des Ehepartners als Glied Christi und Tempel des Heiligen Geistes ansehen, handelt es sich weder um Unordnung noch um Unzucht, sondern um Handlungen, die mit dem Willen Gottes sowie mit den Pflichten und Rechten Verheirateter im Einklang stehen.

Als Ehebruch bezeichnet man den Geschlechtsverkehr einer im Stand der Ehe lebenden Person mit einer ledigen oder verheirateten dritten Person. Im letzteren Fall handelt es sich um einen doppelten Ehebruch.

Man unterscheidet zwischen gelegentlichem und andauerndem Ehebruch, wobei der letztere darin besteht, daß zwei Menschen, von denen einer bereits durch das Band der Ehe mit einer dritten Person verbunden ist, eheähnlich zusammenleben.
Unter dem „Band der Ehe“ versteht man die Bindung, die eine unauflösliche Ehe mit sich bringt.

Für das Gewissen eines Katholiken ändert die Aufhebung der Zivilehe oder die Scheidung nichts am Zustand des Verheiratetseins mit dem legitimen Partner, solange dieser am Leben ist; das aber bedeutet, daß jede weitere Verbindung nach einer Trennung als Ehebruch zu betrachten ist. Das ist zwar ein hartes Wort, entspricht jedoch der Wahrheit des Evangeliums. Ehebruch ist eine sehr schwere Sünde.

Unter Hurerei versteht man den von Ledigen gelegentlich oder auch im Rahmen einer dauernden Verbindung ausgeführten Geschlechtsverkehr. Varianten der Hurerei sind die Prostitution, das Konkubinat sowie die wilde Ehe. Auch wer bereits vor der beabsichtigten Ehe „vorehelichen“ Geschlechtsverkehr ausübt,  begeht eine Sünde der Hurerei. Es ist dies eine sehr schwere Sünde, wenn auch nicht so schwer wie die des Ehebruchs.

Es gibt Eltern, die ihren Söhnen oder Töchtern Verhütungsmittel zur Verfügung stellen, um sie vor „Überraschungen“ zu schützen, man kann auch sagen, damit sie „gefahrlos“ sündigen können. Es ist dies sicher keine Erziehung im christlichen Sinne, vielmehr ist es Mithilfe bei moralisch unzulässigem Handeln und Beihilfe zur Sünde.

Vergewaltigung ist der Geschlechtsverkehr mit jemandem, der diesen nicht selbst wünscht, jedoch durch die Anwendung von Gewalt gefügig gemacht wird.

Als Blutschande bezeichnet man die geschlechtliche Vereinigung von Menschen, die nah miteinander verwandt sind.

Mit dem Begriff Pädophilie ist der Mißbrauch von Minderjährigen gemeint; es handelt sich bestimmt um eine äußerst schwere Sünde, die oft das Opfer selbst verdirbt.

Selbstbefriedigung oder Masturbation nennt man sexuelle Handlungen, mit denen der Mensch sich selbst körperliche Lust verschafft.

Pornografie bezeichnet die meist profitgierige Verbreitung tatsächlicher oder simulierter Geschlechtsakte vor den Augen anderer.

Die Sünde der Homosexualität besteht in der Ausführung erotischer Handlungen zwischen Menschen gleichen Geschlechts. Wenn dies mit Minderjährigen geschieht, ist es eine besonders schwere Sünde, da sie bei den jungen Menschen zur Sittenverderbnis führen kann.

Leider ist die obige Auflistung keineswegs vollständig, sie genügt jedoch der Absicht, die häufigsten Sünden gegen die Keuschheit erkenntlich zu machen.

Jede aus freien Stücken und mit Kenntnis ihrer Verwerflichkeit ausgeführte Sünde gegen die Keuschheit ist ein schweres Vergehen gegen das Gesetz Gottes. Unter bestimmten Umständen kann man der sündigenden Person vielleicht die volle moralische Verantwortung für ihr Handeln absprechen, es gibt jedoch keine mildernden Umstände, die das, was objektiv böse und sündhaft ist, in eine gute, tugendhafte Handlung verwandeln könnten.

Wie bei anderen Sünden kann es auch bei den Sünden gegen die Keuschheit geschehen, daß sie nicht nur gelegentlich begangen werden, sondern zur Gewohnheit werden. Die Gewohnheit zu sündigen macht die Lage noch schlimmer, auch wenn sie auf der einen Seite vielleicht die moralische Verantwortlichkeit einschränkt, denn andererseits erschwert sie natürlich ganz entscheidend die Abwendung von der Sünde. So wie die Tugend das sittlich gute Tun erleichtert und beständig macht, so bestärkt die Gewohnheitssünde oder das Laster das schlechte Tun und erschwert die Rückkehr zu einem tugendhaften Verhalten.

Wer gewohnheitsmäßig sündigt, spürt den Drang, sich selbst rechtfertigen zu müssen, wenn er dies auch nicht mittels sachlicher Analyse zugeben mag. Er kann dabei die verschiedensten Strategien anwenden. So behauptet er etwa, daß es sich bei ihm um einen  „Ausnahme- oder Einzelfall“ handelt, oder daß seine Sünde „den andern nicht schadet“; er kann sogar zugeben, daß er etwas Schlechtes tut, verschiebt jedoch seine Besserung oder den Bruch mit seiner sündhaften Gewohnheit auf später usw..
 
Die Sünde führt nämlich zunehmend zu geistiger Blindheit, die den Menschen unfähig macht, die Dinge so zu sehen, wie Gott sie sieht. Am schlimmsten ist es, wenn der Sünder sich dazu versteigt zu behaupten, daß das, was er tut, für ihn „keine Sünde“ ist, und sich damit selbst zum Richter über Gut und Böse macht. Hier sollte man auf einen Satz hinweisen, der am Ende eines Romans von Paul Bourget steht: „Wer nicht so lebt, wie er denkt, denkt schließlich so, wie er lebt.“ Es ist schon viel wert, wenn wir, wie der Zöllner im Gleichnis (Lk 18, 13), unsere bösen Taten ohne Umschweife oder Rechtfertigungen zugeben.

 
11. Bekehrung und Vergebung flecha

Gott versagt sein Erbarmen keinem Sünder, der sich bekehrt und Buße tut. Dafür gibt es eine Reihe von Beispielen, sowohl in den Evangelien als auch in der Geschichte des Christentums. Die Kirche hat stets die Barmherzigkeit des himmlischen Vaters verkündigt, die uns Jesus, unser Heiland, durch Seine Verdienste erworben hat. Der Heilige Geist bewegt immer wieder die Herzen der Sünder zur Bekehrung, damit sie sich ihres elenden Zustands bewußt werden und zum Vaterhaus zurückkehren.

Wenn es um die Vergebung Gottes geht, bilden auch die Sünden gegen die Keuschheit keine Ausnahme. Der Herr kann und will sie verzeihen, sofern der Sünder sich bekehrt.

Wie aber erhält man die Vergebung Gottes? Versuchen wir einmal, die einzelnen Schritte auf dem Weg zur Versöhnung nachzuvollziehen (vgl. das Gleichnis vom verlorenen Sohn, Lk 15, 11ff).

a. Der erste Schritt zur Bekehrung geschieht in dem Moment, in dem der Mensch, der Böses getan hat, dies einsieht und aufrichtig zugibt, daß er das, was er getan hat, nicht hätte tun dürfen. Schon in diesem Moment ist die Gnade Gottes gegenwärtig, indem sie das Gewissen erleuchtet. Man könnte diesen ersten Moment mit den Worten zusammenfassen: „Ich bin ein Sünder, ich habe falsch gehandelt.“

b. Der zweite Schritt geht darüber hinaus und heißt Reue. Das Bewußtsein, falsch gehandelt zu haben, entspringt dem Verstand; nun kommt ein Willensakt hinzu: Ich verwerfe das, was ich getan habe, verabscheue meine Tat. Im katholischen Wortgebrauch nennen wir diesen Moment „Zerknirschung“, die das Konzil von Trient so definiert hat: „Schmerz der Seele und Abscheu gegenüber der begangenen Sünde, verbunden mit dem Vorsatz, sie nicht mehr zu begehen‘ (Konzil von Trient, 14. Sitzung, Dekret über die Buße, Kap. 4).

Der „Schmerz“ über die begangene Sünde versteht sich als aufrichtiger Verdruß, sie begangen zu haben. Es reicht nicht, daß dies auf der Grundlage rein natürlicher Beweggründe geschieht, etwa wegen gesellschaftlicher Ungelegenheiten, die eine bestimmte Sünde mit sich bringt oder wegen der gesundheitlichen Schäden, die mit einer Sünde verbunden sind; der Schmerz muß sich vielmehr auf Gott beziehen. Entweder, weil man sich dessen bewußt ist, daß man die Liebe Gottes verachtet und Ihm das Gute mit Bösem vergolten hat oder aber weil die Sünde gegen das Gesetz Gottes verstößt und uns von Ihm trennt, sodaß wir verdienen, bestraft zu werden.

Der Schmerz über die begangene Sünde richtet sich auf die Vergangenheit: Das einmal Getane kann man zwar nicht mehr rückgängig machen, man kann es aber verabscheuen.

Man kann unmöglich die Vergebung Gottes erhalten, wenn dieser Schmerz oder die Reue fehlt, denn es käme doch wohl einer Ungereimtheit gleich, zu Gott zu sagen: „Verzeih mir, doch was ich getan habe, war richtig.“ Warum sollte mir Gott etwas verzeihen, wenn mein Tun richtig war?

Die Bekehrung weist auch in die Zukunft: Wer das Getane bedauert und verabscheut, muß unbedingt auch den Vorsatz fassen, nicht wieder rückfällig zu werden. Was für einen Sinn hätte es, zu Gott zu sagen: „Es schmerzt mich zwar, daß ich das getan habe, ich werde es jedoch weiterhin tun.“ Es ist dies aber der Fall bei Menschen, die in Sünde leben, wie etwa im Ehebruch, gleichzeitig aber vom Priester verlangen, er solle sie freisprechen, ohne daß sie den Vorsatz haben, ihre Lage zu ändern. Menschen, wie diese glauben, daß die Kirche die sakramentale Absolution ohne vorherige Reue erteilen kann. Doch dies ist ein großer Irrtum. Wenn nämlich ein Priester es wagte, jemanden freizusprechen, der nicht die notwendige Bereitschaft mitbringt, und mag sein Wunsch, sich zu versöhnen und den Leib Christi zu empfangen auch noch so groß sein, so ist eine solche Absolution wertlos: Die Sünden wären nicht vergeben und, was vielleicht noch schlimmer ist, es wäre eine Täuschung, die das Gewissen beschwichtigt und sich eine Macht anmaßt, die Gott nicht gegeben hat.

c. Der dritte Schritt besteht darin, zum Sakrament der Buße oder der Versöhnung zu gehen. Es ist hier nicht der Platz, eingehend das Bußsakrament zu erklären, es reicht, wenn wir die feierlichen Worte Jesu an seine Apostel in Erinnerung rufen: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende Ich euch. Nach diesen Worten hauchte Er sie an und sprach zu ihnen: Empfanget den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert“ (Joh 20, 21-23).

Dies, und kein anderer, ist der Ursprung der Macht der Bischöfe und Priester, Sünden zu vergeben, doch nur denen, die wirklich bereuen, wie bereits gesagt wurde. Der Christ, der zum Sakrament der Buße geht, soll dem Beichtvater die Sünden bekennen, die er begangen, und mit denen er Gott schwer beleidigt hat.

Dies hat nicht nur in pauschaler Weise zu geschehen, sondern die Sünden sind einzeln, mit der Angabe erschwerender Umstände, anzuführen. Bei den schweren Sünden ist wenigstens annähernd die Zahl der Vergehen anzugeben.

Der Priester vergibt die Sünden kraft der von Gott geschenkten Macht. Er tut dies nicht etwa, weil er persönlich ein heiliges Leben führt oder über großes theologisches oder vielleicht auch psychologisches Wissen verfügt, sondern allein im Namen Gottes, als ein mit dem Herzen eines Vaters, eines Meisters und eines Richters ausgestatteten Werkzeug Gottes.

d. Der vierte Schritt erfolgt nach der Feier des Sakraments und besteht in der Ausübung der vom Beichtvater auferlegten Buße.

Es ist aber zu unterscheiden zwischen den Werken der Buße und den Maßnahmen, die notwendig sind, um den durch die Sünden anderen zugefügten Schaden wieder gutzumachen.

Wer etwa ein Kind gezeugt hat, ohne mit dessen Mutter verheiratet zu sein, kann sich unmöglich über die daraus entspringenden Verpflichtungen gegenüber seinem Kind und oft auch der Mutter hinwegsetzen.

Wiedergutmachung oder Rückerstattung sind ein sehr komplexes Thema und nicht immer so leicht zu lösen wie im Falle eines Raubes. Etwas anderes sind die Werke der Buße: Gebet, Nächstenliebe oder Selbstüberwindung sollen die durch die Sünde verletzte Ehre Gottes wieder gutmachen und den Willen und das christliche Leben des Büßers stärken, damit er künftig besser darauf vorbereitet ist, der Sünde zu widerstehen.

Trotz Reue und festem Vorsatz zur Besserung kann der Christ in eine Sünde zurückfallen. Das sollte zwar nicht geschehen, doch es geschieht. Wenn dies vorkommt, sollte der erneut Gefallene ehrlich prüfen, ob er alle vernünftigen Schritte unternommen hatte, um nicht wieder zu sündigen: Ob er gebetet hat, ob er über das Wort Gottes meditiert hat, ob er Bücher gelesen hat, die seinem geistigen Leben förderlich sind, ob er mit Inbrunst den Leib Christi empfangen hat, ob er sich entschieden von allen Gelegenheiten ferngehalten hat, von denen er aus Erfahrung wußte, daß sie ihn zur Sünde verführen, ob er Selbstbeherrschung geübt hat. Nach dieser Selbstprüfung kann und muß er wiederum zum Sakrament der Buße gehen und erneut mit Demut, Reue und Vorsatz um die Absolution des Priesters bitten.

Das Bußsakrament bewirkt nicht nur die Vergebung der Sünden und die Versöhnung mit Gott, es übt auch eine reinigende Wirkung auf die christliche Seele aus: es befreit sie von den Spuren und Narben, die ihr geistiges Gesicht entstellen und den reinen Blick dessen trüben, der Gott mit allen Kräften seiner Seele suchen soll.

Wenn daher die Pflicht, zu beichten und die Vergebung Gottes zu erlangen, auch streng gesehen nur für die Todsünden gilt, empfiehlt die Kirche doch auch die Beichte der läßlichen Sünden und sogar das wiederholte, diskrete und skrupelfreie Bekenntnis vergangener, bereits gebeichteter und absolvierter Sünden.

 
12. Schlußwort flecha

„Erbarme Dich meiner, o Gott, der Du barmherzig und gnädig; nach dem Übermaß Deiner Gnade lösche aus meine Schuld. Bis auf den Grund wasche ab meine Missetat, von meiner Sünde mache mich rein! Denn meine Bosheit erkenne ich wohl, immer steht mir vor Augen die Sünde. Ich habe gesündigt an Dir allein; was böse vor Dir, ich hab` es getan. ... Besprenge mich mit Ysop, so werde ich rein; wasche mich, und ich werde weißer als Schnee. Laß mich vernehmen Freude und Wonne ... Wende ab von meinen Sünden dein Angesicht und tilge all meine Frevel. Ein reines Herz erschaffe mir, Gott, und einen festen Geist erwecke mir neu. Von Deinem Antlitz verstoße mich nicht, nimm von mir nicht hinweg Deinen heiligen Geist. Deines Heiles Wonne schenke mir wieder, in willigem Geiste mache mich stark. ... Errette mich vor dem Blute, Gott meines Heiles; und meine Zunge wird Deine Gerechtigkeit rühmen. Herr, tu auf meine Lippen, und mein Mund wird verkünden Dein Lob“ (Psalm 51, 3-6.9-14.16f).

Könnte es zum Abschluß dieser Betrachtung bessere Worte geben als jene, die David gleich nach Ehebruch und Mord und dem Tadel des Propheten Nathan niedergeschrieben hat; Worte, mit denen er seine Reue und sein Vertrauen in die Barmherzigkeit Gottes zum Ausdruck brachte?

Möge Gott uns allen ein reines Herz schenken, uns waschen und reinigen, damit wir weißer werden als Schnee.

Valparaiso, am 25. März 1994, dem Hochfest Mariä Verkündigung

+ Jorge Medina Estevez
Bischof von Valparaiso*

 
*Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung war Bischof Jorge Medina Estevez noch nicht Kardinal
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